Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Einmal in der Woche hab ich Chorprobe. Und die ist mir wirklich heilig. Wenn es irgendwie geht, bin ich dabei.
Ich weiß noch genau, wie mein erster Abend dort war. Ich kannte noch niemanden, ich hatte keine Ahnung, was mich erwartet und saß deshalb etwas nervös zwischen all den anderen Sängerinnen und Sängern. Und dann gings los. Ich glaube, es war ein Song von Adele. Und plötzlich haben all diese unterschiedlichen Stimmen den Raum gefüllt: junge und alte, tiefe Bässe, heller Sopran. Erst ganz leise. Dann kraftvoll und mitreißend.
Das hat sich unbeschreiblich angefühlt. Wie viele Stimmen zusammen eins werden. Wie wichtig jede Einzelne ist. Ich habe diese Verbindung gespürt zwischen all den Menschen, die Freude, gemeinsam zu singen. Für mich war das ein heiliger Moment. Ein kleiner Gottesdienst mitten im Alltag, an einem Ort, an dem ich Gott gar nicht erwartet hatte.
Ich hab in der Chorprobe gemerkt, wie sehr mir das fehlt: diese Momente, in denen wir spüren, dass wir zusammengehören. Dass unsere vielen verschiedenen Stimmen gemeinsam wundervoll klingen können.
Solche verbindenden Momente gibt es heute nicht mehr so oft. Früher waren Gottesdienste solche Orte. Das ganze Dorf war da. Man hat gesungen, gebetet, miteinander gefeiert. Heute spricht das nur noch wenige an. Aber es gibt sie noch, diese Augenblicke, die uns daran erinnern. Für mich ist das zum Beispiel so, wenn an Weihnachten die voll besetzte Kirche zusammen „Stille Nacht“ singt, da habe ich richtig Gänsehaut.
Diese Orte, an denen wir uns mit anderen verbunden fühlen, die sind kostbar. Auch weil der Ton in unserer Gesellschaft rauer geworden ist. Populistische Sprüche werden normaler. In sozialen Netzwerken stehen jeden Tag hasserfüllte Kommentare. Und die prägen immer stärker, wie wir miteinander umgehen. Gegen dieses Gefühl von Spaltung brauchen wir Orte, an denen wir erfahren, dass wir zusammengehören – auch wenn wir unterschiedlich sind.
Für mich ist mein Chor so ein Ort. Wenn wir gemeinsam singen, spüre ich, wie wir verbunden sind. Wie aus all unseren Stimmen ein Klang entsteht, der uns trägt. Für mich klingt das nach Gott.
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