SWR3 Gedanken

28NOV2025
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Drei junge Leute sind bei mir zu Besuch. Kennengelernt habe ich sie noch als Studierende. Jetzt arbeiten zwei von ihnen bei einer Versicherung. Die eine coacht ältere Herren in deren Kommunikation. Erzählt: „Darauf haben die nicht so große Lust, sich von mir etwas sagen zu lassen.“ Die andere ist bei ‚Lebensmathe‘. „Wo?“ frage ich, und bekomme einen Einblick in das Versicherungswesen. Bei Lebensmathematik wird berechnet, wie hoch unterschiedliche Risiken im Leben sind. Für Lebensversicherungen eben: Krebserkrankung, Schlaganfall, Herzinfarkt, Grippe, Suizid, Demenz, Essstörung, Unfälle; bei Männern und Frauen je unterschiedlich, woran und wann jemand wahrscheinlich stirbt.

Alles wird nach Statistiken genau berechnet. Damit die Versicherung am Ende beim Geschäft mit den Lebensversicherungen mehr rausbekommt als die Versicherten. Versicherungen müssen schließlich auch von was leben.

Ganz schön gruselig finde ich das. Ich möchte weder mein Leben noch die Gefahren, die mir begegnen können, so berechnet wissen oder gar selbst berechnen. Ich hätte gerne, dass bei Lebensmathe etwas ganz anderes berechnet würde, Fragen wie: Wie oft verliebt man sich durchschnittlich im Leben? Wie viele Küsse? Wie viele Umarmungen? Wie oft tanzen wir? Und wie oft gehen wir Schlittschuhlaufen? Wie viele Feste, die richtig glücklich machen, feiern wir? Wie verändert sich das mit dem Alter? Und wie gelingt es mir, der Lebensmathe ein Schnippchen zu schlagen und auch mit 80 noch zu schaukeln, zu singen und auf Bäume zu klettern? Und wenn dann noch jemand ausrechnen könnte, wie ich die Wahrscheinlichkeit steigern kann, eine beste Freundin zu finden und ein Leben lang zu behalten und mit ihr glücklich durch den Wald zu spazieren, dann würde Lebensmathe für mich richtig Sinn machen!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43383
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