SWR3 Gedanken

24NOV2025
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Ich gehe in den Wald. Es ist neblig und es nieselt; die Brille sofort voller winziger Tröpfchen. Ich wollte nur spazieren, dachte es sei jetzt vorbei mit den Pilzen, habe also keinen Korb dabei. Da leuchtet mir aus tiefgrünem Moos etwas Gelbliches entgegen. Ich pflücke ganz vorsichtig eine der kleinen Kreaturen. Den kenne ich noch nicht. Ich rieche daran, er duftet wunderbar. An der Unterseite zarte gelblichweiße Stoppeln. Ich suche im Internet. Unverwechselbar: der Semmelstoppelpilz. Da sind noch mehr davon. Ein Taschentuch, da kommen die kleinen Kerle rein.

Direkt daneben leuchtet etwas zartlila. Sieht aber aus wie ein Pfifferling, ein amethystschuppiger. Immer tiefer stolpere ich durchs Unterholz: Da sind Maronenröhrlinge, sehr schöne, noch mehr Semmelstoppelpilze. Inzwischen habe ich die Mütze abgezogen und die kleinen Kerle vorsichtig da reingelegt. Das Taschentuch reicht nicht mehr aus. Die Haare feucht; es wird dunkler, kälter, ich friere, kann aber nicht aufhören. Ich komme vorbei an einem popelgrünen Kartoffelbovist, an orange leuchtendem Zwergerlfeuer, an gemeinen Riesenkrempentrichterlingen. Allein schon die Namen! Erst seit einigen Jahren begeistere ich mich für Pilze. Meine Mutter hatte meinem Vater verboten, mit uns zu sammeln - viel zu gefährlich! Ich nehme immer nur die mit nachhause, die ich ganz genau kenne. Langsam erweitert sich mein Repertoire. Mein Blick verändert sich. Ich laufe nicht mehr so schnell und weit, scanne stattdessen den Waldboden, verirre mich ständig, gerate ins Dunkel. Ich sehe Geschöpfe, die ich nie sah.

Ich rieche sie. Es ist wie eine Schatzsuche. Und jeder kleine Fund ein aufregendes Wunder. Geheimnisvolle Vielfalt. Und dann mit Butter und Knoblauch ein köstliches Abendessen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43379
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