SWR Kultur Lied zum Sonntag
Es sind uralte Klänge, die uns an diesem ersten Adventsonntag begrüßen. Klänge, die ganz behutsam in alte Zeiten zurücktragen.
Wir sind ungefähr im Jahr 900 im Kloster Einsiedeln in der Schweiz. Dort ist vermutlich die Melodie zum Hymnus „Veni redemptor gentium“ entstanden. Es ist das älteste Lied für die Adventszeit. Den Text hat Ambrosius von Mailand bereits im 4. Jahrhundert geschrieben.
Veni redemptor gentium, ostende partum virginis;
Miretur omne saeculum: talis decet partus Deum.
Musik 1
“Veni redemptor gentium“, wörtlich übersetzt heißt das: „Komm, Erlöser der Völker“.
Das ist keine harmlose Bitte im Sinne von: wenn es dir passt, komm doch vorbei. Sondern da ruft ein verzweifelter Mensch nach dem Erlöser. Und „Erlöser“ - das war im biblischen Zusammenhang jemand, der einen anderen Menschen, der Schulden gemacht hatte und deswegen als Sklave arbeiten musste, freikaufen, ihn auslösen konnte. Jemand, der also aus einer Situation befreit, aus der man sich selbst nicht helfen kann.
Musik 2
Ich glaube, diese Sehnsucht, herausgeholt zu werden aus dem, was gefangen hält, haben Menschen zu jeder Zeit gespürt. Wie groß ist der Wunsch, befreit zu werden aus bedrängenden äußeren Lebensumständen, zum Beispiel wenn das Geld am Monatsende nicht reicht, eine schwere Krankheit das Leben einschränkt oder es in der Familie Streit gibt.
Und dann gibt es auch noch das, was mich innerlich unfrei macht. Wenn das Gedankenkarussell nachts nicht aufhört sich zu drehen oder Selbstzweifel an mir nagen.
Und so haben Generationen durch die Jahrhunderte hindurch diesen Adventshymnus gesungen. Erst in Latein und dann rund 1000 Jahre später auch in Deutsch, als Martin Luther die lateinischen Strophen ins Deutsche übertragen hat.
Und auch heute noch ist das Lied im katholischen Gotteslob zu finden. Dort beginnt es mit den Worten:
Komm, du Heiland aller Welt
Sohn der Jungfrau mach dich kund.
Darob staune, was da lebt:
also will Gott werden Mensch.
Gott will Mensch werden. Aber wie? Und wer ist Jesus Christus dann? Mensch oder Gott? Oder beides? Im 4. Jahrhundert haben die Theologen darüber heftig gestritten und wurden nicht müde zu betonen: Das Kind, das Maria geboren hat, ist ein echtes Menschenkind. Es muss gestillt und gewickelt werden. Es ist auf andere angewiesen wie jedes Baby.
Aber zugleich ist es wirklich Gott. Gott, der erlösen und befreien kann, und der Licht ins Dunkel bringt, wie die Sonne.
Wie die Sonne sich erhebt
und den Weg als Held durcheilt,
so erschien er in der Welt,
wesenhaft ganz Gott und Mensch.
Musik 2
Ganz Gott und ganz Mensch. Mit dem Verstand ist das kaum zu erfassen. Da braucht es Herz und Emotionen. Und was wäre da nicht besser geeignet als die Musik?
Musik 3
Wie der Hymnus damals zur Zeit von Ambrosius geklungen hat, wissen wir heute nicht mehr. Aber Augustinus, der zur gleichen Zeit gelebt hat, beschreibt, wie die Gesänge auf ihn gewirkt haben. Er schreibt: „Die Weisen drangen an mein Ohr, und die Wahrheit flößte sich ins Herz […]: die Tränen flossen, und mir war wohl bei ihnen“ (Bekenntnisse 9, 14).
Auch bei mir geht dieses Adventslied direkt vom Ohr ins Herz. Und die alten Klänge tragen meine Sehnsucht Richtung Weihnachten.
Komponist:
T: nach Ambrosius von Mailand „Veni redemptor gentium“
Ü: Markus Jenny 1971
M: Einsiedeln 12 Jh. / Martin Luther 1524
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