SWR1 3vor8
Es sind dramatische Worte, die heute diejenigen hören, die in einem katholischen Gottesdienst sind. Da ist die Rede davon, dass die Sonne finster wird. Und, so heißt es dann: „der Mond wird nicht mehr scheinen; die Sterne werden vom Himmel fallen und die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden“. (Mt 24,29) Alles gerät aus den Fugen. Endzeitstimmung. Von wegen heimelig-schöner Advent.
Dass der Advent auch eine aufrüttelnde, ja sogar erschütternde Zeit sein kann, die mich weiterbringen kann, habe ich bei Alfred Delp gelernt. Er war Jesuitenpater und wurde von den Nazis hingerichtet. Er hat erlebt, wie die Welt aus den Fugen gerät. Wie unmenschlich und grausam es zugehen kann. Und vermutlich schreibt er gerade deshalb: „Der Advent ist eine Zeit der Erschütterung, in der der Mensch wach werden soll, zu sich selbst.“ Und weiter schreibt er, dass, gerade wenn man hilflos ist, und die Welt über einem zusammenbricht, dass einen dann „goldene Fäden erreichen können“, die sich zwischen Himmel und Erde aufspannen.
Es sind sperrige Worte von Alfred Delp, und ich musste seine Zeilen ein paar Mal lesen. Doch mich lässt der Satz nicht los, dass der Advent mich erschüttern soll, und ich wach werden soll zu mir selbst. Das heißt doch, dass ich mich mit mir selbst konfrontiere und mir Zeit nehme zu entdecken, wer ich als Mensch bin. Was mich ausmacht, aber auch welche offenen Stellen ich mit mir rumtrage. Wo ich noch hinter meinen Möglichkeiten zurückbleibe und auch mit anderen nicht gut umgehe.
Das anzuschauen, ist kein Spaziergang. Es ist herb zu erkennen, dass mir nicht alles gelingt. Und ich fühle mich ohnmächtig, wenn ich merke, dass ich nicht alles selbst in der Hand habe, dass ich verletzlich und endlich bin.
Aber ich habe in solchen Momenten auch schon die „goldenen Fäden zwischen Himmel und Erde“ entdeckt, von denen Alfred Delp schreibt. Wenn ich mich selbst wahrnehme und aushalte, was ist, dann kann ich auch etwas von Gott erahnen. In einer Kraft, die mir zukommt und die mich aufrichtet, wenn ich innerlich fast zusammenfalle. Ich denke da auch an Nina, die seit Jahren an einer chronischen Krankheit leidet. Sie ist sehr reflektiert und denkt oft über ihre Situation nach. Ich bewundere sie für ihre Stärke, die sie aufbringt, um mit ihrer Krankheit zu leben. Sie macht mich sogar immer wieder auf schöne Dinge aufmerksam und kann anderen Menschen Kraft geben. Ihre Krankheit ist erschütternd, aber an Nina werden mir die goldenen Fäden deutlich, die sich zwischen Himmel und Erde aufspannen – trotz allem.
