SWR Kultur Lied zum Sonntag

23NOV2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„Zu welcher Musik möchte man in die Ewigkeit eingehen?“ fragt die österreichische Schriftstellerin Hilde Spiel am Ende ihrer Autobiographie. Eine schöne Frage, finde ich. Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, welches das Lied sein soll, das Sie am Ende Ihres Lebens hören? Es gibt ein ganzes Buch darüber: „Letzte Lieder. Sterbende erzählen von der Musik ihres Lebens.“ Hilde Spiel schreibt: „Ich hatte mir immer eine Schubertmelodie gewünscht. Oder die c-Moll-Sonate von Telemann für Oboe und Cembalo.  

In der evangelischen Kirche wird heute der Ewigkeitssonntag gefeiert. In alten Liedern hat diese Ewigkeit einen bedrohlichen Klang. „O Ewigkeit, du Donnerwort!“ spricht Johann Rist sie in seinem Choral aus dem Jahr 1642 direkt an: „O Schwert, das durch die Seele bohrt.“ Und in einer Strophe dichtet er gar: „Nichts ist zu finden weit und breit so schrecklich als die Ewigkeit.“

O Ewigkeit, du Donnerwort,
o Schwert, das durch die Seele bohrt,
o Anfang sonder Ende!
O Ewigkeit, Zeit ohne Zeit,
ich weiß vor großer Traurigkeit
nicht, wo ich mich hinwende!
Mein ganz erschrocknes Herz erbebt,
dass mir die Zung am Gaumen klebt.

Erstaunlich friedlich ist die Melodie, die Johann Sebastian Bach zu den furchteinflößenden Worten komponiert hat. Kein Donnern, kein Zittern und Zagen. Stattdessen eine große Ruhe. Ob er damit auch Kritik üben wollte an den Angstmachern seiner Zeit? Schließlich hatte schon Martin Luther zweihundert Jahre zuvor die befreiende Entdeckung gemacht, dass der Mensch die Ewigkeit nicht fürchten muss, sondern ihr im Vertrauen auf Jesus Christus getrost, ja sogar freudig entgegengehen kann. Auch Hilde Spiel bleibt auf dem Hintergrund ihres jüdischen Glaubens gelassen. Zu welcher Musik möchte man in die Ewigkeit eingehen? Sie schreibt: „Nun drängte sich dieser Ausklang des Strauss-Liedes auf:

Im Abendrot

Wir sind durch Not und Freude
gegangen Hand in Hand;
Vom Wandern ruhen wir
Nun überm stillen Land.

O weiter, stiller Friede.
So tief im Abendrot,
wie sind wir wandermüde –
ist dies etwa der Tod?

Und sie sagt sich: „Nun gut, wenn das der Vorschlag aus dem Jenseits ist, dann will ich ihn annehmen. Ich habe mich im Grunde immer einem Wink, der von außen kam und einsichtig war, gefügt.“

Wie sind wir wandermüde – ist dies etwa der Tod?

------

Musikangaben:

Georg Philipp Telemann, Sonate für Blockflöte, Oboe, Basso Continuo, TWV 42c
Interpret: Compagnia Transalpina
Aufnahme: Archiv Nr. M0727981

O Ewigkeit, du Donnerwort
Text: Johann Rist (1642)
Musik: Johann Sebastian Bach, Aus dem Clavierbüchlein für Anna Magdalena Bach (1725) BWV513
Interpreten: Sibylla Rubens und Michael Behringer
Aufnahme: Archiv Nr. M0025628

Im Abendrot
Text: Joseph von Eichendorff (1837)
Musik: Richard Strauß, Vier letzte Lieder (1948)
Interpreten: Diana Damrau und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks
Aufnahme: Archib Nr. M0596456

-----

Literatur:
Hilde Spiel, Welche Welt ist meine Welt? Erinnerungen 1946-1989, Paul List Verlag München 1990

Stefan Weiller (Hg.), Letzte Lieder. Sterbende erzählen von der Musik ihres Lebens, Edel Verlag Hamburg 2017

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43371
weiterlesen...