SWR Kultur Wort zum Tag
„O Heiland, reiß die Himmel auf“ – dieses alte Adventslied klingt wie ein Ruf aus tiefster Seele. Es ist kein leiser Wunsch, sondern ein regelrechter Schrei. Nach Hilfe, nach Beistand, nach Trost. Für diese Welt, für das eigene Leben. Viele erzählen mir, dass sie die Nachrichten von Krieg und Gewalt und verdrehter Wahrheiten kaum noch aushalten können. Und andere wie einsam sie eigentlich sind.
„Reiß die Himmel auf“ – das ist die Bitte, dass etwas geschieht, das wir mit unseren menschlichen Möglichkeiten nicht herstellen können. Wie würde das aussehen, wenn der Himmel sich öffnet?
Ich stelle mir das so vor:
Am Horizont erscheint ein winziger, heller Spalt. Wie an einem dunklen, kalten Wintermorgen, wenn die Sonne erst spät aufgeht. Und alles sieht auf einmal anders aus.
Oder eine Frau hat schon lange keinen Besuch mehr erhalten. Erst ist es ihr gar nicht aufgefallen, dass sie immer einsamer wurde, dann hat sie gedacht, es würde jetzt immer so bleiben. Und dann klingelt doch plötzlich eines Tages die ehemalige Nachbarin, kommt herein und legt ihren Mantel ab. Es macht ihr nichts aus, dass es keinen Kuchen gibt. Sie setzt sich trotzdem an den Tisch, schweigt, hört zu. Und die Frau spürt zum ersten Mal wieder Wärme. Nähe. Hoffnung.
Wenn der Himmel sich öffnet, dann berührt Gottes Welt unsere Welt. Das Himmelreich bleibt nicht im Unsichtbaren, sondern findet einen Weg in unseren Alltag: sanft, unscheinbar, aber wirksam. Dieses alte Adventslied hat viele eindrückliche Bilder dafür: Der Tau, der Pflanzen und Erde benetzt, das Ausschlagen der Bäume und Sträucher im Frühling, der Sonnenstern, der mit seinem Licht die Welt erhellt.
All diese Bilder stehen für die Erwartung im Advent, dass Gott sich zeigt. Für diese Welt und für uns. Dass der Himmel eben nicht verschlossen bleibt über Krieg und Hass, Krankheit und Einsamkeit, persönlichen Sorgen und globalen Konflikten.
Der Himmel öffnet sich, wenn ein Mensch Trost erfährt – manchmal durch ein Wort, das zur rechten Zeit gesagt wird. Wenn Vergebung geschieht, obwohl alles nach Strafe ruft. Wenn Menschen sich aufrichten, die gebeugt waren. Wenn jemand Licht in das Chaos eines anderen bringt. Das sind die Momente, in denen Himmel und Erde sich berühren. Und einer spüren kann: Gott ist nah.
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