SWR Kultur Wort zum Tag
„O Heiland, reiß die Himmel auf“ – es ist mein liebstes Adventslied, und schon das erste Bild lässt mich nicht los: ein aufgerissener Himmel. Das klingt erst einmal brutal. Was aufgerissen wird, tut weh. Da ist Gewalt im Spiel. Ich höre darin die verzweifelten Schreie von Menschen, die unter Krieg und der Zerstörung ihrer Heimat leiden. Ich höre aber auch umgekehrt Gottes Schmerz über den Zustand seiner Schöpfung, weil er im Himmel, nicht unberührt zuschaut, sondern sich verletzen lässt, verwundbar macht – für uns.
Und genau an dieser Stelle beginnt für mich der Advent: Wo etwas aufreißt, kann auch Licht durchdringen. Manchmal sieht man das nach einem Gewitter: Lauter dunkle Wolken, und plötzlich ein Riss, ein heller Streifen, der den ganzen Himmel verändert.
Und wenn es in der ersten Strophe weiter heißt: „Herab, herab vom Himmel lauf“, dann entsteht in mir das Bild, dass Gottes Himmelskraft und Lebenssaft zur Erde fließt. Nicht als rohe Gewalt, sondern als sanfte Feuchtigkeit, wie ein Tau, auf ausgedörrter Erde. Wenn unsere Welt ausgetrocknet ist von Hassreden, Dauerkrisen, Sozial- und Leistungsdruck – wenn Menschen innerlich ausgebrannt sind, müde, zynisch, hoffnungslos – dann ist dieser „Tau“ ein starkes Bild für Gottes Kraft. Langsam weckt er wieder Leben, löst starre Fronten, macht Begegnungen zwischen Menschen wieder fruchtbar: O Gott, ein Tau vom Himmel gieß …“.
Dann kann sogar im Jammertal, wie das Lied das Leben auf der Erde beschreibt, die Erde ausschlagen wie im Frühling. Ich sehe es bildlich vor mir: Ein rissiger Boden, trocken, grau. Und dann, wie aus dem Nichts, eine kleine, zarte Blume, die den Asphalt sprengt. Das Lied sagt: Genau so kommt der Heiland. Unscheinbar, verletzlich, aber unaufhaltsam. Für unsere Zeit könnte das heißen: Hoffnung beginnt vielleicht nicht in den großen Programmen, aber in den leisen Anfängen – dort, wo einer nicht aufgibt, wo jemand einem anderen die Hand reicht, wo eine trotzdem hofft, liebt, glaubt.
Ich glaube, das ist der Advent, den ich heute brauche: Ich muss die Risse in meinem Leben und in der Welt nicht verstecken. Ich kann sie Gott hinhalten. Und glauben: Durch genau diese Risse fällt sein Licht. Strömt seine Kraft. Hinter dem aufgerissenen Himmel steht kein leerer Raum, sondern ein offenes Herz. Gottes Herz für diese Welt – und für mich.
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