SWR Kultur Wort zum Tag

08DEZ2025
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„O Heiland, reiß die Himmel auf“ – so beginnt eines meiner liebsten Adventslieder. Für mich steht es wie kein anderes für diese besondere Zeit im Kirchenjahr. Wenn ich die ersten Töne höre, bin ich sofort „im Advent“: und zwar nicht im Lichterglanz der Kaufhäuser und Fußgängerzonen, sondern in einer tiefen, sehnsüchtigen Erwartung, dass Gott selbst kommt in unsere Welt.

Der Text ist vierhundert Jahre alt und führt uns zurück in die Zeit des 30jährigen Krieges. Friedrich Spee, dem der Text des Liedes zugeschrieben wird, war Seelsorger mitten im Krieg, in Not und Hexenverfolgung – und einer der mutigsten Kritiker der Gräuel, die er da mit ansehen musste.

Sein Lied erscheint um 1622, zunächst anonym, als Gebet derer, die im Elend um Gottes Kommen rufen. Die Melodie ist etwas jünger und aus einem Gesangbuch von 1666 überliefert.

Die erste Strophe bringt das Grundthema auf den Punkt:
„O Heiland, reiß die Himmel auf,
herab, herab vom Himmel lauf;
reiß ab vom Himmel Tor und Tür,
reiß ab, wo Schloss und Riegel für.“

Ein Gebet, ein flehentlicher Ruf. Da rüttelt einer mit Worten an der Himmelstür. Reiß auf! Reiß ab! Denn die Kriegszeit und der Hexenwahn, Not und Elend der Zeit legen die bittere Erfahrung nahe: Der Himmel scheint verschlossen, Gott selbst ewig weit weg, als hätte er die Welt und ihre Nöte von sich weggesperrt. Und gleichzeitig gibt es diese große Sehnsucht, dass Gott, diese Trennung doch endlich durchbrechen möge. Er soll kommen, um die Zustände auf der Erde zu verändern!

„Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt,
darauf sie all ihr Hoffnung stellt?
O komm, ach komm vom höchsten Saal,
komm, tröst uns hier im Jammertal.“

heißt es in der vierten Strophe. Wer so betet, wer so singt, hat die Welt noch nicht aufgegeben, sondern hält an Gott fest. Trotz allem Elend.

„O Heiland, reiß die Himmel auf“ – das ist kein höflicher Wunsch, sondern ein mutiger Protestruf gegen die ewige Kluft zwischen Himmel und Erde. In diesem Ruf steckt die Weigerung, sich mit der Finsternis abzufinden. Und zugleich wächst die leise Hoffnung: Wenn Gott selbst den Riegel löst, dann bleibt unsere Welt nicht, wie sie ist – dann kann ein neuer Advent beginnen. Auch heute. Mitten in unserer Zeit und in unserem eigenen Leben.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43353
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