SWR4 Abendgedanken
Der November hat seine eigene Stimmung – leise, ein bisschen melancholisch.
Viele Menschen mögen diesen Monat nicht so besonders. Vielleicht, weil wir in dieser Zeit besonders spüren, dass alles vergeht. Die Blätter, die Wärme, das Licht, das sich morgens gegen den Nebel durchsetzen muss. Es ist die Zeit oder der Monat, in dem wir besonders an die Menschen denken, die fehlen. Auf den Friedhöfen werden Lichter angezündet für unsere Verstorbenen, die wir vermissen.
Ich finde, dass gerade in dieser Dunkelheit auch etwas Tröstliches stecken kann. Wenn ich abends unterwegs bin und irgendwo Licht im Fenster sehe, dann weiß ich: Da ist jemand. Ich bin nicht allein. Gerade jetzt im November haben solche erleuchteten Fenster für mich etwas sehr Starkes. Sie erinnern mich an einen Satz in der Bibel, den ich sehr mag. Im Johannesevangelium heißt es:
„Das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst.“ (Joh 1, 5)
Der Evangelist Johannes beschreibt es nicht so, dass die Dunkelheit verschwindet. Aber das Licht geht nicht unter in ihr. Keine Dunkelheit ist so mächtig, dass nicht schon ein einziges Licht etwas daran verändern würde.
Vielleicht ist das genau die Botschaft, die wir im November brauchen.
Ich muss nicht an der Dunkelheit verzweifeln oder versuchen, vor ihr wegzulaufen oder so tun als gäbe es sie nicht: die dunklen Zeiten in meinem Leben. Ich darf mitten darin immer das Licht sehen, das ganz gewiss da ist.
Das Licht der Erinnerung.
Das Licht der Liebe.
Das Licht, das einer angezündet hat und das ich wahrnehmen kann, wenn ich unterwegs bin. Und auch das Licht, das ich selbst für einen anderen Menschen sein kann.
Das sind alles Erinnerungslichter an die beharrliche Leuchtkraft, die der Glaube in die Seele scheinen lassen will. Sie erinnern mich an die Erfahrung, wie ich durch den Glauben Hoffnung bekommen habe oder Trost oder Mut.
Vielleicht ist dies das besondere Geheimnis dieses Monats November, bevor der bunte, fröhliche Vorweihnachtslichterglanz nun bald überall in unseren Straßen und Häusern das Sagen hat: Die Dunkelheit ist da. Aber sie hat nie das letzte und einzige Wort.
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