SWR4 Abendgedanken
Ein Freund muss das Haus seiner verstorbenen Eltern ausräumen und verkaufen. Er stöhnt über die viele Arbeit, die er damit hat. Aber mehr noch als die bloße Mühe belastet ihn, dass seine Eltern das nicht schon selbst zu Lebzeiten unternommen haben: Warum haben sie sich nicht von Überflüssigem getrennt? Warum haben sie die Dinge, die sie nicht mehr gebraucht haben, nicht verschenkt? Mein Freund ist ziemlich wütend deswegen.
In der Bibel beschreibt der Prophet Jesaja einmal das Gefühl wie es ist, wenn man denkt, mit einer großen Aufgabe alleingelassen zu sein. Auch ihm fallen erst mal Sachen ein, die hätten anders laufen müssen. Das macht ihn noch ärgerlicher.
Meinen Freund kann ich verstehen. Ich verstehe, dass es ihn belastet. Aber ich kann auch verstehen, dass seine Eltern es nicht geschafft haben, sich von ihren Sachen zu trennen. Und ich denke, das ist nicht nur eine Frage des Alters. Die Dinge, mit denen wir uns umgeben, haben oft eine Bedeutung für uns, die andere kaum erkennen können. Bücher, Bilder, Geschirr, Möbel, Kleidungsstücke – mit vielem sind Erinnerungen verbunden. Bei Manchem sammelt sich so viel an, dass er darüber krank wird. Und wie schwer es einem fallen kann, das Angesammelte wegzugeben, das habe ich selbst gerade erst erlebt, als ich in eine neue Wohnung umgezogen bin. Dinge, die für andere eben nur ein Buch oder ein Bild sind, sind für mich eine Erinnerung und eine Verbindung mit einer Geschichte aus meinem Leben.
In der Bibel nimmt die Geschichte vom Zornigen eine überraschende Wendung. Er bleibt bei seinem Zorn nicht stehen, sondern stattdessen lobt er Gott und sagt:
An die tätige Güte Gottes will ich erinnern, an alles, was Gott für uns tat:
Gutes in Fülle (…) entsprechend seiner Mutterliebe
und entsprechend der Fülle der göttlichen Treue (…). (Jes 63,7 Bibel in gerechter Sprache)
Vielleicht kann mein Freund ein wenig von seinem Ärger runterkommen, wenn er mit einem liebevollen oder wenigstens barmherzigen Blick auf das schaut, was seine Eltern an Aufräumarbeit nicht mehr geschafft haben oder nicht schaffen konnten. Ich denke mir: Oft wird sie vermutlich vor allem die Liebe und Treue daran gehindert haben, Dinge wegzutun. Und darüber muss er sich, bei aller Mühe, nicht ärgern, sondern kann mindestens nachsichtig sein.
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