SWR4 Abendgedanken
Ein Lokal in unserer Stadt muss schließen. Die Pächter geben auf, weil die Wirtin mit schlimmen Rückenschmerzen die Arbeit nicht mehr schafft und keine Aushilfe findet, die sie entlasten kann. So gehen wir mit unserem Freundeskreis gemeinsam ein letztes Mal dort essen.
Die Stimmung ist gedrückt. Wir plaudern über die leckeren Gerichte, die wir hier über Jahre hinweg gegessen haben und über die Schwierigkeiten, die man in der Gastronomie heutzutage hat. Immer mehr kommen wir dabei zu dem Thema Abschied. Dieser konkrete Abschied heute Abend und Abschiede im Allgemeinen.
Als Pfarrerin habe ich in meinem Beruf viele Abschiede erlebt und begleiten dürfen. Und ich weiß auch von Abschieden, die so schwer sind, dass sie kaum gelingen oder lange aufgeschoben werden. Manchmal wünschen sich Menschen Abschiede, die nicht sofort sichtbar sind. „Ich gehe einfach nach Hause an meinem letzten Arbeitstag so wie immer.“ Sagt eine Freundin zu mir. Sie mag sich nicht verabschieden, oder besser: verabschieden lassen.
Innerlich hat sie vermutlich schon oft durchgespielt, wie es sein wird, wenn sie geht. Und damit es nicht so sehr weh tut, soll der letzte Abend einfach so sein wie jeder Abend. Denn das kennt sie ja. Das hat sie jahrelang so gemacht. Und das tut auch nicht besonders weh, denn am nächsten Morgen wird sie ja wiederkommen.
So soll es sich zumindest anfühlen: Als ob es einen nächsten Morgen gibt, weswegen man um diesen Abschied am Abend kein Aufsehen machen soll.
Und so will es auch die Wirtin unseres Lokals haben: Sich von uns Gästen verabschieden als ob wir morgen wiederkommen. Und deshalb will sie auch nicht in der Vergangenheit schwelgen und keine großen Abschiedsworte von uns hören. Auch wenn das Morgen tatsächlich anders aussieht als bisher. Ich kann verstehen, warum die Wirtin so denkt.
Auch in der Bibel finde ich diese Haltung. Beim Propheten Jesaja ist es Gott selbst, der so redet: Gedenkt nicht an das Frühere und achtet nicht auf das Vorige! Denn siehe, ich will ein Neues schaffen (…). (Jes 43, 18-19a)
Gott schenkt einen Neuanfang. Die Vergangenheit ist nicht mehr belastend, auch nicht aus Nostalgie. Unbeschwert auf Neues zugehen können. Das wünsche ich der Wirtin unseres Lokals und – bei allem Bedauern: Das wünsche ich auch uns als Gästen.
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