SWR4 Abendgedanken
Ich bin gerne Gastgeberin und lade Leute zu mir nach Hause ein. Dann überlege ich, wie ich es den Gästen besonders schön machen kann. Wo soll mein Gast sitzen? Wohin wird sein Blick dann fallen? Was gibt es zu essen und zu trinken? Wie kann ich sicherstellen, dass wir nicht gestört werden und dass ich selber nicht unter Zeitdruck stehe, solange mein Gast da ist?
Wenn ich darüber nachdenke, kommt mir in den Sinn, dass ich manchmal mindestens so lange mit der Vorbereitung befasst bin wie nachher auch der Besuch dauert. Wenn ich Menschen zum Frühstück einlade, kaufe ich extra dafür ein. Schon am Vortag decke ich den Tisch. Ich falte die Servietten und stelle die Marmelade auf den Tisch. Am nächsten Morgen koche ich Kaffee und Tee und Eier, schneide Käse, Schinken, Obst und Gemüse auf. Die Vorbereitungszeit ist für mich voller Vorfreude.
„Ich bin ein Gast auf Erden“ heißt es in einem Gesangbuchlied. Das Lied handelt von der Vergänglichkeit. Davon, dass wir als Menschen nur eine begrenzte Lebenszeit haben. Wir sind im Leben nur zu Gast. Für manchen Menschen mag das ein trauriger Gedanke sein.
Beim Vorbereiten des Frühstücks für meine Gäste kommt mir in den Sinn, dass es auch eine schöne Sicht auf das Leben sein kann:
Mir gefällt die Vorstellung, dass Gott sich auf meinen Erdenbesuch vorbereitet hat wie ein Gastgeber. Und ja – seine Vorbereitung könnte durchaus genau so lange gedauert haben wie mein Besuch dauert. Vielleicht nicht unbedingt Jahrzehnte am Stück; aber er hat jede Einzelheit für meinen Besuch genauestens bedacht und sorgfältig vorbereitet:
Wo ich hingehören soll, wie er es mir gutgehen lässt, wer zu mir passen wird, was ich in den Blick bekommen soll.
Ein Gast auf Erden sein – ja, da geht es um Vergänglichkeit, um Dinge, die begrenzt sind. Aber auch um Gewollt-Sein und erwartet werden. Gott hat sich lange Gedanken gemacht für meinen Besuch auf dieser Erde, und er nimmt sich Zeit dafür, dass er mein Gastgeber ist.
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