SWR Kultur Wort zum Tag
Was mir gefällt an den langen Winternächten: Ich bin schon wach, wenn es Tag wird. Ich stehe im Dunkeln auf und kann bei klarem Wetter vom Fenster aus oder auf dem Weg zur Arbeit zusehen, wie das erste Licht der Sonne auf immer mehr Dächer und Fenster, Straßen und Bäume fällt und alles zu leuchten beginnt. Dann denke ich an eine Gedichtzeile von Ingeborg Bachmann: „Nichts Schöneres unter der Sonne, als unter der Sonne zu sein“. Und am allerschönsten: einen Sonnenaufgang unmittelbar mitzuerleben.
Neulich hatte ich dieses Glück. Und nicht ich alleine - auch eine Horde Grundschulkinder war dabei, zufällig bin ich in sie hineingeraten. Es war auf meiner morgendlichen Joggingrunde; ich biege gerade auf den im Osten über der Stadt liegenden Platz ein, da stürmen von der anderen Seite über eine Treppe die Kinder nach oben, erstaunlich wach auf ihrem Klassenausflug. Wir kommen im selben Moment auf der Mitte des Platzes an, und über dem Schwarzwald geht rund und golden die Sonne auf. Auf einmal stehen wir im Licht, die Kinder und ich, der Platz und die Bäume.
„Halleluja!“ ruft ein Junge aus der Gruppe, unbefangen und laut. Ein paar Kinder lachen.
Ich laufe weiter, der Sonne entgegen und mit diesem Halleluja im Herzen. Selber ist es mir nicht über die Lippen gekommen, dieses Wort zum Lob Gottes aus der hebräischen Bibel, aber nun, da es mir von diesem Jungen zugerufen worden ist, beflügelt es mich.
Halleluja. Ja! Die letzte Silbe ist im Deutschen eine wunderbare Bekräftigung und Zustimmung – im Hebräischen steht sie für den Gottesnamen. „Jahwe“ sagen manche, doch eigentlich wissen wir nicht genau, wie er ausgesprochen wird, der Name Gottes. Denn aus Respekt, aus Ehrfurcht sprechen jüdische Gläubige Gottes Namen nicht aus.
Und „hallel“ heißt Loblied, Jubelgesang – wie auf Deutsch das Stammeln und Lalleln sagt das Wort: so überwältigt bin ich, so beseelt, dass ich meine Gefühle kaum artikulieren kann. Da ist etwas so schön, dass es mich umhaut. Die Sonne geht auf, und ich bin dabei. Ich bin geflasht, plötzlich von einem Licht getroffen, warm, vielversprechend, verheißungsvoll. Morgenlicht leuchtet, ein neuer Tag beginnt.
„Aus Zion bricht an der schöne Glanz Gottes“, heißt es in einem Psalm. Morgen, am 1. Advent, hat er seinen Platz im evangelischen Gottesdienst. Der Sonnenaufgang spricht zu mir: Gott stellt die Welt in ein neues Licht, verlässlich. Erleuchtet sie und mich auch heute wieder. Gott spricht nicht nur in Wörtern. „Es bricht an der schöne Glanz Gottes. Unser Gott kommt und schweigt nicht.“ Da will ich wach sein. Das will ich hören.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43343