SWR Kultur Wort zum Tag
Jetzt im Herbst bieten mein Kollege Detlef und ich Wanderungen „in die Nacht hinein“ an. Drei Stunden gehen wir da mit einer Gruppe schweigend durch den dunklen Wald über Freiburg. Das Herbstlaub raschelt, mal spüren wir Regentropfen auf Gesicht und Händen, mal leuchten Mond und Sterne durch die Bäume.
Ich erlebe zweierlei: Ich bin ganz für mich – und ich fühle mich in der Gruppe geborgen.
Ich spüre, wie sich mit jedem Schritt meine innere Unruhe verläuft. Der ganze Alltagskram wird unwichtig, meine Glieder werden locker und müde. Schön finde ich dieses Dunkel, das mich leicht in die Nachtruhe finden lässt.
Ach, so könnte es bleiben, denke ich im letzten Augenblick, bevor ich einschlafe: Decke über den Kopf, und die kommenden nasskalten Tage einfach verschlafen. In einen tiefen, langen Winterschlaf eintauchen und erst in einer helleren Zeit wieder aufwachen. Manchmal träume ich davon: Der unfreundlichen Wirklichkeit den Rücken kehren und mich einfach gefangen nehmen lassen vom tröstlichen Dunkel des Schlafes.
Und ich vermute, so ist es auch Petrus gegangen. In der Apostelgeschichte lese ich: Petrus schläft tief und fest und mit großer Ruhe, geradezu selig. Dabei liegt er in einer Gefängniszelle. Als Jesus-Nachfolger ist er verhaftet worden, am nächsten Morgen droht ihm ein Prozess und womöglich eine harte Strafe. Wie kann einer da schlafen?
Da trat ein Engel des Herrn herein, berichtet die Apostelgeschichte [Kap 12], und Licht erhellte den Raum. Der Engel weckte Petrus mit einem Stoß in die Seite und sagte: »Schnell, steh auf!« Dabei fielen Petrus die Ketten von den Händen ab. Dann sagte der Engel: »Wirf deinen Mantel über und folge mir!« Und Petrus reibt sich die Augen und geht mit.
Ausgeträumt, mein Lieber, meine Liebe!, macht dieser robuste Engel dem Petrus und mir klar. Du bist befreit vom Unheil, vor dem du dich gefürchtet hast! Du bist frei für das, was vor dir liegt. Keine Angst also: Raus aus Schlaf und Traum, rein in den neuen Tag. Ja, es ist noch dunkel. Aber es wird heller werden. Raus darum aus der Jahresend-Depression, rein in die klare kalte Morgenluft. Mit dem Winter kommt Weihnachten. Engel sind in der Nähe, immer; aber besonders zur Weihnachtszeit.
Mein Engel im Dunkeln – das kann eine beherzte Stimme in mir sein.
Manchmal ist es auch ein Rotkehlchen vor dem Fenster, das mich von meiner Trägheit befreit, eine überraschende Nachricht im Radio oder die muntere Kollegin.
Ich werde wach und neugierig auf das, was mich heute erwartet. Ich glaube: ich bin behütet.
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