SWR Kultur Wort zum Tag
Es gibt nicht wenige Leute, die haben schon genug von Weihnachten, lange bevor es Weihnachten ist. Zu viel „Stille Nacht“ und „O, Tannenbaum“ schon im Vorfeld: in Fußgängerzonen, in Supermärkten und auf Weihnachtsmärkten. Zu viel über Balkone kletternde Nikoläuse. Zu viel Lichtgirlanden in den Vorgärten.
Ich kann sie gut verstehen. Ich mag ja auch nicht, wenn die Pointe einer Geschichte, schon lange bevor sie zu Ende erzählt ist, vorweggenommen wird. Bei Weihnachten scheint man sich daran gewöhnt zu haben, dass die Pointe bereits Wochen vor dem Fest abgebrannt wird wie eine Wunderkerze. So dass am Fest selber nur noch ein Häuflein Asche übrigbleibt. Und Erschöpfung lange vor den Feiertagen.
Ich versuche mich dem zu entziehen. Indem ich die alten Traditionen des Wartens ernst nehme. Und sie, wo es möglich ist, wiederbelebe. Den Adventskranz, auf dem – Woche für Woche - eine Kerze nach der anderen entzündet wird. Den Adventskalender, an dem sich - Tag für Tag - eine weitere Tür öffnet. Die Adventslieder, die mich ins Warten einüben. Später dann das Schreiben eines Wunschzettels, mit dem ich auf Überraschungen gefasst bleibe. Das Schmücken des Weihnachtsbaumes, der erst am Fest selbst zum Strahlen kommen wird. So bleibt meine Neugier ungestillt. Und gelassen verbindet sich meine Erwartung mit dem Geschehen der Heiligen Nacht.
Ich glaube nämlich, dass Warten Können verändert. Was ich erwarte, verändert meine Haltung. Von dem, was ich erwarte, strahlt etwas ab an Glanz und Vorfreude in meine Gegenwart. Aber eben so, dass keine Ermüdung und Übersättigung entsteht.
In einem alten Kirchenlied heißt es: „Wir warten dein, o Gottessohn, und lieben dein Erscheinen. Wer an dich glaubt, erhebt sein Haupt und siehet dir entgegen; du kommst uns ja zum Segen.“
Erwartungsvoll leben! Das ist für mich die Herausforderung. Nicht die Vorfreude abbrennen wie trockene Tannenzweige. Sondern so warten, dass sichtbar wird, worauf wir warten. Den Kopf nicht hängen lassen, wie es in dem Lied heißt. Sondern das Haupt erheben und nach vorne schauen.
Ich finde, das ist eine gute und passende Haltung - jetzt, wo die Adventszeit beginnt.
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