SWR Kultur Wort zum Tag

25NOV2025
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„Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.“ Eine Zeile aus Rainer Maria Rilkes berühmtem Herbstgedicht, die auf die Flüchtigkeit des Lebens verweist. 

An Rilke denke ich heute Morgen. Sein Geburtstag am 4. Dezember in Prag jährt sich bald zum hundertfünfzigsten Mal.

Rilke war ein Gottsucher, wenn er auch ganz eigene Wege ging. Früh hatte er sich vom Katholizismus seiner Mutter abgewendet. Kein Haus zu haben, keine Religion, in der er sich einrichten konnte, das hat auch für ihn selbst gegolten. Dennoch - ein Gottsucher ist er sein ganzes Leben lang geblieben. Daher kannte er auch die Gefahren, denen man bei dieser Suche ausgesetzt ist, weil ein Mensch immer in der Gefahr ist, sich die Gottesbilder zu schaffen, die einem selbst sympathisch sind. Der liebe Gott. Oder – auf der entgegengesetzten Seite der Sympathieskala - ein grausamer Gott.

Heute, denke ich, liegt die Gefahr eher in der Politisierung Gottes. Wenn nämlich Gott vereinnahmt wird, um eigene Wahrheitsansprüche zu untermauern. Weil Rilke diese Gefahren kennt, schreibt er bemerkenswerte Sätze, die wie eine Warnung klingen: „Alle, welche dich suchen, versuchen dich. Und die, die dich finden, binden dich an Bild und Gebärde.“ Und dann: „Ich aber will dich begreifen, wie dich die Erde begreift, mit meinem Reifen reift dein Reich. Ich will von dir keine Eitelkeit, die dich beweist. Ich weiß, dass die Zeit anders heißt als du.“ Was für eine Aussage!

Ja, Gott – so viel wir von ihm auch zu wissen meinen - bleibt doch zu allen Zeiten ein Gott, der sich nicht festlegen lässt, weder auf einen Tempel noch auf ein Gedankengebäude. Nicht einmal auf einen Namen.

Und doch gibt es Situationen, von denen ich glaube, dass ich in ihnen Gott begegne. In einem Wort, das mich gerade jetzt trifft. In einem Menschen, der sich mir gerade jetzt zuwendet und mich auffängt. 

Machen oder herbeiführen kann ich solche Situationen nicht. Aber offen dafür sein, das schon. In diesem Sinne war Rilke dann doch ein religiöser Denker.

Einer, der darauf warten konnte, dass Gott kommt. Jenseits aller Gottesbilder. Aber unaufhaltsam.

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