Begegnungen

Mit Felix Weise und Julie Leuze. Das Thema Sterben und Trauer ist nichts, mit dem man sich gern freiwillig auseinandersetzt. Aber irgendwann bricht es nun mal herein ins Leben: Wenn jemand Nahestehendes stirbt oder erkrankt. Die Autorin Julie Leuze hat sich dem Thema freiwillig genähert. Und hat ein Kinderbuch dazu geschrieben. Denn Kinder trauern anders.
Das sind Erwachsene oft ein bisschen irritiert, wenn Kinder todtraurig sind und 5 Minuten später wieder ganz lustig lachen. Und da sagt man, dass Kinder, so wie in ihrer Trauer wie in Pfützen hüpfen. Also sie hüpfen rein, sind komplett da drin und auch komplett durchnässt und dann hüpfen sie wieder raus. Und dann geht es dann aber auch wieder gut.
Um eine Hilfe zu bieten, mit Kindern über das schwierige Thema Sterben und Trauern ins Gespräch zu kommen hat Julie Leuze das Kinderbuch „Wohin fliegt Hamster Herkules“ geschrieben. Darin erzählt das Mädchen Tilly ihrem Freund Noah, dass ihr Opa bald sterben wird. Für Noah ist das erst mal gruselig: Darf er mit seiner Freundin dann überhaupt noch spielen und lachen? Und was passiert, wenn er Tilly zu Hause besucht und dem sterbenden Opa vielleicht begegnet?
Dann lernt er eben den Opa kennen. Dann stirbt tatsächlich jemand, aber nicht der Opa. Dann macht man sich Gedanken über das Leben nach dem Tod. Gibt es das oder gibt es das nicht? Dann kommt die Trauer und dann ist es, wie es in dem Buch heißt, wieder schön, aber anders schön.
Es ist der Hamster Herkules, der in der Geschichte unvermittelt vor dem Opa stirbt. Der Tod ist eben nicht planbar.
Man setzt sich mit diesem Opa auseinander und dann hat er dann aber auch zu sterben. Ja, das tut er dann aber erst mal gar nicht, sondern er lebt doch noch weiter und doch noch und doch noch und doch noch. Und es dauert, weil man über den Tod ja nicht verfügen kann. Und dann? Es ist jemand anders, der stirbt, weil es ja tatsächlich so sein kann.
Als der Hamster Herkules stirbt, stellen sich die Kinder die Frage: Was kommt eigentlich nach dem Tod?
Da finde ich persönlich es am besten, wenn man sowohl sagt, was man selbst glaubt als auch sagt, was andere Menschen glauben, was andere Religionen für Antworten haben. Und auch das Kind fragt was glaubst du denn? Und dass man nicht dann eine Antwort über die andere stellt.
Bei aller Unsicherheit, was wirklich nach dem Tod kommt – Julie Leuze betont, dass es wichtig ist, Kindern mit der eigenen Antwort keine Angst zu machen.
Ist es also in Ordnung zu sagen, dass der Hamster Herkules jetzt vielleicht im Himmel ist, auch wenn man sich selbst gar nicht so sicher ist?
Ja, auf jeden Fall. Es schadet ja niemandem, es tut keinem weh. Wie gesagt, wir wissen es ja auch nicht. Also warum sollen Tiere nicht auch, warum soll die Seele nicht weiterleben? Und ich glaube, da sollte man tatsächlich dann, wenn das Kind sowieso schon trauert, nicht die Trauer auch noch verschärfen.
Das Kinderbuch „Wohin fliegt Hamster Herkules“ hat Julie Leuze geschrieben, nachdem sie sich intensiv mit dem Thema Sterben und Tod auseinandergesetzt hat. Wie ist sie zu diesem Thema gekommen?
Das war am Ende der Coronazeit 2022, meine ich, war es, wo irgendwie die ganze Welt so ja sich verändert hatte. Und Sterben und der Tod plötzlich so allgegenwärtig geworden waren. Und ich so das Gefühl hatte, ich würde mich da tatsächlich gerne selber mit auseinandersetzen, noch mehr. Und hab gedacht okay. Ich glaube, ich kann das jetzt und ich glaube, dass ich es auch begleiten kann.
Mit Tod und Trauer beschäftigt sich Julie Leuze zuerst in einer Ausbildung zur Sterbebegleiterin. Danach folgt noch eine Ausbildung zur Trauerbegleiterin für Kinder bei den Johannitern. Eine Erfahrung, die sie in dieser Zeit machte, hat sie überrascht:
Man kann mit diesem Thema umgehen, ohne ständig traurig zu sein. Wir haben immer viel gelacht, wir hatten leichte Momente. Wir haben uns alle immer gefreut, uns wieder zu sehen und was zu lernen.
Es gibt diese leichten Momente – und dann aber auch wieder die schweren. Die, denen auch ich manchmal hilflos gegenüberstehe – obwohl ich Pfarrer bin. Auch mir fehlen manchmal einfach die Worte. Julie Leuze meint, darauf kommt es gar nicht unbedingt an. Wichtiger ist:
Dieses da sein und Zuhören und gar keine guten Tipps geben, die einem vielleicht mal irgendwie auf den Lippen liegen oder so, sondern einfach: Da sein, vielleicht eine Hand halten oder mit einem Kind dann eben vielleicht was basteln. Und wenn es dann plötzlich was sagt, dann eben nicht erschrecken, nicht abwiegeln, nicht ablenken, sondern verfügbar sein. Ich glaube, das ist es hauptsächlich.
Nicht erschrecken. Oder alles abwehren, was mit Trauer und Verlust zu tun hat. Sonst – sagt Julie Leuze – kommt das kleine Monster, das ich in den Keller sperre, irgendwann als Riesenmonster wieder hoch. Spätestens dann, wenn einen die eigenen Kinder danach fragen. Gerade jetzt im November bietet sich das an,
…dass man halt vielleicht dann wirklich mal so diese stillere, dunklere Zeit auch nutzt, um sich dann bewusst damit auseinanderzusetzen, vielleicht mal die eigenen Vorstellungen zu hinterfragen, vielleicht auch wirklich ruhig mal das jetzt mal christlich zu sagen, es mal Gott hinzuhalten. Einfach sein Herz dazu öffnen und sagen. „Oh, ich hab da Schwierigkeiten. Hilf mir doch, damit umzugehen.“ oder mit Freunden zu sprechen und es dann aber auch wieder loszulassen und sich dann wieder dem Leben, der Fröhlichkeit, schönen Kerzen, leckeren Plätzchen oder Lebkuchen zuzuwenden. Es darf ja beides sein.
Sich der Trauer nicht zu verschließen und gleichzeitig das Schöne auch nicht aus dem Blick zu verlieren. Das nehme ich mit. Und mir bleibt diese Formulierung aus dem Kinderbuch im Kopf. Die Hoffnung, dass es auch mit Trauer schön werden kann. Anders schön.
Das Buch „Wohin fliegt Hamster Herkules“ und mehr Information zur Autorin finden Sie hier: https://www.julieleuze.de/kinderbuch/
Trauergruppen für Kinder bieten unter anderem die Johanniter an: https://www.johanniter.de/dienste-leistungen/kinder-und-jugendhilfe/lacrima/ür Kinder

