SWR1 3vor8

16NOV2025
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Ich lese, was Lukas da schreibt, und reibe mir die Augen. Und denen, die den Text heute in einem katholischen Gottesdienst hören, wird es kaum anders ergehen:

Manche von euch wird man töten. Und ihr werdet um meines Namens willen von allen gehasst werden. Und doch wird euch kein Haar gekrümmt werden[1].

Ist das nicht genau das Gegenteil, was der Evangelist Lukas da in zwei aufeinander folgende Sätze packt? Er lässt Jesus ankündigen, dass seinen Jüngern eben das bevorsteht. Sie werden gehasst und getötet werden. Bald, in absehbarer Zeit. Und gleichzeitig verspricht er, dass ihnen nichts passieren wird. Sie bleiben trotzdem unversehrt. So verstehe ich, was da steht, und verstehe es eben doch nicht, weil es sich widerspricht. Wie also passt das zusammen?

Der Zusammenhang, in dem die beiden Sätze stehen, ist eine apokalyptische Rede. Jesus zeigt darin, dass mit ihm eine neue Zeit anbricht, dass die Welt sich grundlegend verändern wird. Und dass die Umstände dabei nicht rosig sein werden. Er spricht von Kriegen und Unruhen, von falschen Propheten und Anführern, die die Menschheit an den Rand des Untergangs bringen. Auch die Kräfte der Natur, die kein Mensch beeinflussen kann, werden rebellieren: Erdbeben, Seuchen und Hungersnöte sind die äußeren Zeichen der bevorstehenden Zeitenwende. Und mittendrin er, Jesus, und die Menschen, die zu ihm gehören. Denen das alles nicht erspart bleibt. Denen aber gleichzeitig ein anderes Schicksal bestimmt ist.

Der Untergang, der Tod wird ihnen nichts anhaben. So die steile Behauptung. Jesus sagt: Wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr das Leben gewinnen[2]. Und verspricht damit so etwas wie das Ewige Leben. Jedenfalls sagt er, dass das Ende dieser Welt nicht das letzte Wort sein wird. Die Perspektive lautet: Es geht mit Gott weiter, als ihr im Moment seht.

Was sich wie ein Widerspruch anhört, bekommt dann auf einmal einen Sinn. Dazuhin einen, der aktuell ist und bleibt. Erdbeben in Afghanistan, Verwüstungen in Indonesien, Hungersnöte in Afrika, Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten. Die apokalyptische Ankündigung Jesu liest sich wie eine Nachrichtensendung unserer Tage. Nur dass die beim Schrecken stehen bleibt. Und Jesus weitergeht. Durch den Schrecken und den Tod hindurch. Weil er ahnt, vielleicht weiß, dass Gott sich damit nicht zufriedengeben kann und wird. So darf es mit der Welt nicht enden, die er geschaffen hat und mit den Menschen nicht, die er liebt. Manch einer wird das als Vertröstung verstehen. Ich nenne es: Hoffnung!

 

[1] Lukas 21,17f.

[2] Lukas 21,19

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43329
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