SWR Kultur Wort zum Tag
„Behutsam leise nimmst du fort die Dämmrung von der Erde,/ sprichst jeden Morgen neu dein Wort: es werde, es werde“. Dieses Lied zum Tagesbeginn ist mir besonders lieb. Zum Weltjugendtag 2005 in Köln gedichtet, nimmt es zärtlich ins Gebet, was anscheinend selbstverständlich jeden Tag geschieht: das Aufwachen. Völlig abrupt oder doch besser gemächlich tauchen wir auf und erblicken das Licht der Welt. Als würde eine Augendecke langsam weggezogen, damit wir uns an den neuen Tag und die neue Welt gewöhnen. Noch Dahin-Dämmern hat zwar seinen besonderen Reiz, die Augen noch ein paar Momente geschlossen halten und nur mit allen Sinnen das Da-Sein spüren. Aber dann der ganze Augenaufschlag und der Sprung aus dem Bett und in den Tag.
Das Lied, selbst leise behutsam, verbindet dieses all-tägliche Geschehen es mit den biblischen Geschichten von der Schöpfung: Gott spricht sein „es werde, es werde“. In der Tat: das morgendliche Erwachen ist ein Schöpfungsvorgang, ein neuer Tag voller Möglichkeiten. Mit dem Augenaufschlag spricht oder springt uns Neues an. Auch das schon Bekannte und Gewohnte kann angeschaut und bewältigt werden. Und immer die göttliche Botschaft darin: „es werde, es werde“. Da drückt sich eine Lust am Leben aus. Wie ein werbender Lockruf oder eine ausdrückliche Einladung. Schau nicht zurück, ruh dich im Bisherigen nicht aus. Und vor allem: sag nicht, es bleibt alles beim Alten; wage den Werdeschmerz wie bei jeder Geburt. Es ist ein neuer Tag, neues Glück, neue Chancen. Auch wenn alles so aussehen sollte wie gestern und vorgestern – du kannst es heute neu sehen, du kannst dich selbst, deine Hoffnung und deinen Alltag neu entdecken und gestalten, mit neuen Prioritäten z.B., mit neuer Geduld und Liebe. „Es werde, es werde“ – ein Schöpfungswort, eine göttliche Ermutigung zum Leben.
„Es werde Licht an diesem Morgen, in dem das Alte neu erstrahlt, erscheinen wird, was noch verborgen,/ in Farben bunt das Leben malt.“ So geht die erste Strophe weiter. Und auch die drei folgenden singen einladend von diesem schöpferischen „es werde, es werde“. Eigentlich haben sie genau das im Sinn, was wir einander ständig wünschen: einen guten Tag.
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