SWR Kultur Wort zum Tag

20NOV2025
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„Seht, golden steigt das Licht empor,/ da schwindet hin die dunkle Nacht/ die unsern richtungslosen Schritt/ hart an des Abgrunds Rand gebracht.// Des neuen Tages heitres Licht/ dringt tief in unsere Seele  ein/ und macht, von Arglist, ungetrübt,/ des Herzens Streben klar und rein.“ So beginnt eines der uralten Morgengebete, die ich auch heute gern spreche: ein Hymnus auf das Morgenlicht, ein Staunen über die Sonnenstrahlen trotz so viel Dunkel. „Morgenstund hat Gold im Mund“, hoffentlich. Immer geht es um das Zusammenspiel von draußen und drinnen: Licht in der Natur und Erleuchtung im Herzen, Klärung und Aufklärung. Deshalb betont die dritte Strophe: „Von Aug und Zunge, Mund und Hand/ bleib jede böse Regung fern;/ so führe uns der neue Tag/ aus Finsternis zum Licht des Herrn.“ Jeder Sonnenaufgang also eine große Chance, jeder Tag der erste von den letzten, die uns noch bleiben.

In diesen alten Hymnen auf das Licht der Welt wird ganz selbstverständlich schon in der Früh an den Abend gedacht: „Und jener letzte Morgen einst,/ den wir erflehn voll Zuversicht,/ er finde wachend uns beim Lob/ und überströme uns mit Licht.“ Eine kühne Vorstellung ist das, aber höchst realistisch: dieser Morgen heute ist der erste von denen die noch kommen. Und die sind befristet. Die Sterbestunde möge wie eine Morgenstunde sein, wie ein Sonnenaufgang im Abschied, um das Licht der neuen Welt zu erblicken. In einem Hymnus des spanischen Dichters Prudentius heißt es: „Wenn unser letzter Tag sich neigt,/ dann wehre, Herr, der Finsternis/ und führe uns in deiner Huld/ zum Licht, das keinen Abend kennt.“

Wir sind mitten im November, nicht zufällig der Monat des Totengedenkens. Das Jahr geht zu Ende, die Tage werden kürzer, die Winterzeit beginnt, manche werden richtig trübsinnig oder gar krank, weil ihnen das Licht fehlt. Da ist jeder Sonnenaufgang wie eine Medizin. Leben heißt eben immer auch, sterben lernen. „Und jener letzte Morgen einst, er finde wachend uns beim Lob“, voller Mut und Zuversicht also. Nicht zufällig verspricht der christliche Glaube die Auferweckung, ganz wörtlich wie heute Morgen: aufgeweckt zum neuen Tag. Das morgendliche Aufwachen wird so zur kleinen Momentaufnahme schon für das große Erwachen am letzten Tag: der „finde wachend uns beim Lob und überströme uns mit Licht“.

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