SWR1 Anstöße sonn- und feiertags
Wie trauert eigentlich ein ganzes Volk? Das habe ich mich als Kind am Volkstrauertaggefragt. Oft habe ich an diesem Tag mit meinen Eltern vor dem Fernseher gesessen und die Feierstunde aus dem Bundestag angeschaut. Ich habe der traurigen Musik zugehört, die vielen schwarz gekleideten Menschen gesehen und Reden gehört, die ich damals nicht verstanden habe. Aber ich habe damals schon begriffen, dass viele Menschen in Kriegen gestorben sind und dass Krieg Menschen tötet und sehr viele andere traurig macht. Und schon als Kind hatte ich das Bedürfnis an diesem Tag irgendwie still zu sein. Ich habe mir auch vorgestellt, dass in ganz vielen Wohnungen Menschen sitzen und weinen, weil da ein Bruder oder ein Sohn oder ein Vater gestorben ist.
Der Volkstrauertag wurde eingeführt vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge im Jahr 1919 nach dem ersten Weltkrieg. Damals als Gedenktag für die gefallenendeutschen Soldaten. In der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten wurde aus dem Volkstrauertag ein Heldengedenktag. Deutschland selbst hatte den Krieg begonnen. Und so wurden die Schrecken und das Leid und die Trauer, die ein Krieg hervorbringt, ganz in den Hintergrund gedrängt. Die Stille dieses Trauertagesmusste dem Triumph weichen. Wie schrecklich muss das für all die Familien gewesen sein, die um einen Menschen getrauert haben. Nach dem Zweiten Weltkrieg bekam er seinen ursprünglichen Namen zurück und wurde wieder zum Volkstrauertag.
Doch erst seit 1952 liegt der Volkstrauertag im November, eine Woche vor dem Totensonntag. In der evangelischen Kirche denken wir an diesem Tag an die Verstorbenen des letzten Jahres. So fügt sich der Volkstrauertag ein in das Erinnern an geliebte Menschen und die Hoffnung, dass sie bei Gott neu leben werden.
Heute ist Volkstrauertag. Auch 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs brauchen wir einen Tag, um gemeinsam zu trauern. Nicht nur, weil es immer noch Menschen gibt, die um einen Angehörigen trauern, der in diesem Krieg gestorben ist. Krieg ist weltweit eine grausame Realität. Jeden Tag sterben Menschen im Krieg. Und da ist es gut, wenn wir heute gemeinsam still sind und weinen und vor allem darum bitten, dass Frieden wird.
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