Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

22NOV2025
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Manchmal sagen die Menschen, von denen ich es am wenigsten erwarte, die weisesten Dinge:
Da sitze ich neben einem alten Mann mit Demenz. Ich spüre, wie unruhig er ist. Die ganze Zeit blickt er suchend auf dem Boden herum; gelegentlich linst er auch unter den Tisch und hebt das Tischtuch an. „Was suchen Sie denn?“ frage ich schließlich. „Das weiß ich erst, wenn ich es gefunden habe“, antwortet er, ohne aufzusehen. „Das weiß ich erst, wenn ich es gefunden habe…“ - Dieser Satz ist so wahr! Mein halbes Leben lang ist es mir so ergangen:

Immer bin ich auf der Suche gewesen, so ruhelos, wie dieser Mann; habe an den seltsamsten Stellen gesucht und hätte doch nie sagen können, was es genau ich suche. Hätte mich jemand gefragt: „Was suchst du denn?“

Ich wäre vermutlich ausgewichen; vielleicht hätte ich aber auch geantwortet: „Das Glück.“ Aber was das Glück ist, das habe ich erst gewusst, als ich es gefunden habe: Meine Familie, meinen Mann, meine Kinder; meinen Beruf. Freundschaften. Glückliche Augenblicke, in denen alles stimmt…

Manchmal habe ich mein Glück direkt bemerkt. Und manchmal habe ich Jahre gebraucht, bis ich mein Glück begriffen habe. Aber immer habe ich es zuallererst finden müssen. Am Ende des Lebens sieht die Suche vielleicht etwas anders aus. 

Ich glaube ja, viele suchen am Ende des Lebens den Heimweg; da ist so eine unbestimmte Sehnsucht, nach Hause zurückzukehren. Dahin, wo alles vertraut ist und man sich geborgen fühlt.

Ich möchte am Ende meines Lebens in die Arme Gottes zurückkehren, der mir mein Leben geschenkt hat. Wenn mich dann einer fragt: „Was suchst Du denn?“

Dann werde ich mich vielleicht an den alten Mann erinnern. Und antworten: „Das weiß ich erst, wenn ich es gefunden habe.“

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