SWR4 Abendgedanken

21NOV2025
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Allerseelen, Volkstrauertag, Totensonntag. Der November ist der Monat, an dem viele Menschen an ihre Toten denken. Viele besuchen auch die Gräber der Verstorbenen. Sie denken dabei an das, was sie mit diesen Menschen verbunden hat und vielleicht bis heute verbindet. Einerseits für manche schmerzhaft, weil sie an einem Grab so unmittelbar erinnert werden, dass dieser Menschen ihnen fehlt. Andererseits auch schön. Ich weiß aus meiner Familie, wie so ein Totengedenken die noch Lebenden an einem Grab zusammenbringt. Wie ein Grab ein Ort des Verlustes sein kann, aber auch der Begegnung. Wenn es denn ein Grab gibt.

Ich erinnere mich noch gut an meine erste Beerdigung als Gemeindepfarrer. Vor mir saß eine Familie, die unglaublich traurig war, dass Ihr Vater und Opa verstorben war. Aber neben der Trauer und dem Tod gab es etwas, mit dem die Familie gar nicht zurechtkam. Der Verstorbene hatte verfügt, anonym bestattet zu werden, das heißt es würde kein Grab geben. Keinen Namen, der auf einem Grabstein steht. Sie würden nicht mal wissen, wo genau die Urne ihres Vaters bzw. Opas beerdigt worden ist. Das war für sie unvorstellbar.

Ich konnte mir schon vorstellen, weshalb der Verstorbene sich so entschieden hatte. Vielleicht wollte er nicht, dass es ein Grab gibt, das gepflegt werden muss. Vielleicht wollte er auch nicht, dass Menschen zu seinem Grab kommen und die Trauer dadurch immer wieder neu hochkommt. Das kann ich alles verstehen. Trotzdem saß da vor mir eine Familie, für die es undenkbar war, nach der Trauerfeier keinen Ort zu haben, wo sie hingehen können. Ich tue mir auch schwer mit anonymen Gräbern, weil mir persönlich Orte und Namen helfen, mich an konkrete Menschen zu erinnern.

Wir haben lange darüber geredet und schließlich eine Lösung gefunden, die dem Wunsch des Verstorbenen respektiert und trotzdem dem Anliegen der Familie gerecht wird. Auf dem dortigen Friedhof gibt es nämlich Bäume, an denen Urnen bestattet werden können. Ohne Namen. Wir haben mit der Friedhofs-Verwaltung geklärt, dass die Urne nach der Trauerfeier an einem solchen Baum bestattet wird. Noch in Anwesenheit der Familie. So wurde allen genüge getan. Es war ein anonymes Grab, wie es der Verstorbene wollte und trotzdem wussten die Kinder und Enkel, wo es war. Sie hatten einen Ort, den sie auch in Zukunft besuchen konnten. Vielleicht haben sie es auch in diesen Tagen getan.

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