SWR4 Abendgedanken
Wie lieb ist der liebe Gott wirklich?
Ich leite mit einer Kollegin einen Kurs.
Bei einem Impuls spreche ich an einer Stelle vom „lieben Gott“. Meine Kollegin sagt danach zu mir: „Das würde ich nicht so sagen.“ Ich bin ein bisschen irritiert. „Warum nicht?“ Sie sagt, „dass ist zu nett. Das klingt, als würde man Gott nicht ganz ernst nehmen.“
Spannend. Darüber hab ich mir nie Gedanken gemacht. Für mich ist diese Formulierung völlig normal. Vielleicht, weil ich früher einen Pfarrer hatte, der das auch ganz oft so gesagt hat. Oder weil es dieses Lied gibt, das ich sehr mag, wo es heißt: „Wer nur den lieben Gott lässt walten.“ Trotzdem hat meine Kollegin natürlich Recht. Es klingt ein wenig niedlich und harmlos. Wie lieb ist der liebe Gott wirklich?
Ich kann leicht so über ihn sprechen. Ich bin gesund, habe Arbeit und ein Zuhause. Aber wie hört das jemand, bei dem es ganz anders ist. Für manche muss das mit dem lieben Gott nicht nur harmlos, sondern gar zynisch klingen. Zum Beispiel für einen, der schwer krank oder einsam ist. Ich kenne Menschen, die mir wehmütig erzählt haben, dass sie einsam sind. Ältere fragen mich dann manchmal, ob Gott sie vielleicht vergessen hat. Wenn ich so etwas höre, bleibt mir zuerst kurz die Luft weg, denn ich glaube nicht, dass Gott will, dass irgendjemand einsam ist.
Und obwohl ich keine Antwort habe, heißt das nicht, dass ich hilflos bin. Wenn Menschen sich von Gott verlassen fühlen, fühlen sie sich oft generell einsam, und dagegen kann man ganz konkret etwas tun. Nämlich sie anrufen, besuchen oder mit anderen Menschen zusammenbringen.
Ich find es immer wieder beeindruckend, in wie vielen Kirchengemeinden es Besuchsdienste gibt, Krankenkommunionen, Spielenachmittage und Treffen für ältere Menschen. Gerade, weil ich glaube, dass Gott nicht will, dass wir einsam sind, müssen Kirchengemeinden Orte gegen die Vereinsamung sein.
Orte, wo sich Menschen begegnen können, einander besuchen, zugewandt sind und ein wenig flapsig gesagt „lieb“ zueinander sind. Kirchengemeinden sind dazu da, dass Menschen erleben und spüren können, wie Gott ist. In dem, wie die Menschen dort miteinander umgehen.
Und in diesem Sinne, glaube ich, dass Gott auch lieb ist.
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