SWR Kultur Wort zum Tag

15NOV2025
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Neulich habe ich einen neuen Begriff gelernt: Zentraler Bergungsort. Genauer: Zentraler Bergungsort der Bundesrepublik Deutschland. Dieser Ort befindet sich ganz in der Nähe meines Wohnorts.

In einem ehemaligen Bergwerksstollen bei Freiburg liegt die Kultur unseres Landes geborgen. Seit 50 Jahren werden hier in speziell gearbeiteten Edelstahlfässern wichtige politische und kulturelle Ereignisse gelagert. Selbst wenn eine Katastrophe alle überirdischen Archive zerstören sollte und alle Bücher verbrennen, könnten Menschen in der Zukunft nachvollziehen, was genau zum Beispiel 1968 in Deutschland geschehen ist. Oder das Protokoll der Wannsee-Konferenz nachlesen. Sogar die Bannandrohungsbulle gegen Luther findet sich dort. Allerdings müssen die Menschen der fernen Zukunft dann auch in der Lage sein, Mikrofilme zu lesen. Denn das ist das Trägermaterial der deutschen Dokumentenschätze. Immer wieder kommen neue, abfotografierte Dokumente hinzu. Dort im Barbarastollen schlummern sie vor Katastrophen aller Art geschützt ihren Dornröschenschlaf. Mir imponiert diese besondere Schatzkammer, ja ich finde diesen Zentralen Bergungsort sogar beruhigend, weil so nichts verloren geht. Und gleichzeitig finde ich es auch ein bisschen merkwürdig:

Wenn ich mir vorstelle, dass irgendwann einmal Menschen ohne jeden lebendigen Bezug die Noten von Bachs Weihnachtsoratorium auf Mikrofilm entdecken. Oder die RAF-Prozessakten lesen oder die Berichte über die Tage im November 1989, als Menschen im Osten unblutig eine Revolution gelungen ist. Eine Überlieferung nackter Tatsachen, denen der Zusammenhang mit dem Leben der Finder fehlt.

Ich glaube, deswegen fasziniert mich die Bibel so sehr. Dieses Buch mit seinen uralten Texten, die über Jahrhunderte immer wieder abgeschrieben und weitergegeben wurden. Und die dabei jeweils neu verstanden, verändert und ausgelegt wurden und werden. Dieses Buch lebt! Die Bibel lebt, weil ihre Erzählungen nicht nur gelesen werden. Sondern sie werden erzählt und gesungen, gebetet und weitergedacht. Sie regen in jedem Alter und auf der ganzen Welt Menschen dazu an, sich damit auseinander zu setzen, weil diese alten Geschichten Menschen immer wieder neu herausfordern. Weil sie immer wieder neu dazu führen, dass Menschen ihr Handeln im Jetzt überdenken. Weil die Bibel kein Buch vergangener Zeiten ist, sondern ins Hier und Heute spricht und dadurch Zukunft gestalten hilft.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43306
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