SWR Kultur Wort zum Tag
In meinem Wohnviertel gibt es ein Schaufenster, vor dem ich gerne stehen bleibe. Dort finde ich immer wieder neue originelle Kunstinstallationen. Manche Objekte leuchten, andere bewegen sich oder pulsieren.
Am Tag der Offenen Ateliers wage ich es endlich, die Klinke an der einfachen Türe zu drücken und den Raum dahinter zu betreten. Ich schlendere durch das Atelier. Ein altmodisches Telefon zieht mich an. Anstelle des Hörers liegt da eine schwere Hantel. Ich hebe die Hantel an, und lese auf dem Schildchen darunter „Heavy Talk“ – Schweres Gespräch. Witzig! Dann spreche ich mit dem Künstler. Konrad Wallmeier antwortet bereitwillig auf meine Fragen und zeigt mir seinen Arbeitsraum. Dort bemerke ich ein etwas schäbiges Kruzifix an der Wand. Keinen halben Meter misst die schmale Holzlatte des Kreuzes. Der ebenfalls hölzerne Jesus ist mit einer hellen Farbe angestrichen, die abblättert. Das Kruzifix wirkt irgendwie verloren.
Aber was ist das? Am Stamm des Kreuzes ist eine Diode angebracht. „Das ist ein Pulsmesser“, sagt der Künstler. Echt? Ich lege einen Finger auf die Diode. Sofort beginnen an dem Körper des Gekreuzigten fünf Stellen rot aufzuleuchten. Die Wundmale Jesu – jetzt blinken sie im Takt meines Pulses! Der Anblick berührt mich. Der Rhythmus meines Blutflusses, die Druckwellen meines Herzschlags, lassen die Wunden auf dem Jesuskörper leuchten. Und durch die roten Lämpchen wirkt es beinahe, als ob Jesus selbst blutet.
Eine ganze Weile lasse ich meinen Finger auf der Diode, dann legt Konrad Wallmeier seinen Finger auf. Die Wundmale leuchten in einem anderen Rhythmus, sie reagieren auf den Puls des Künstlers. Ich überlege, dass wahrscheinlich jeder Mensch nicht nur seinen eigenen Puls, sondern auch sein ganz eigenes Verhältnis zu Jesus hat. Und dass wir auf wunderbare Weise mit Jesus verbunden sind, auch wenn uns vielleicht gar nichts daran liegt. Es ist eine Blutsverwandtschaft der eigenen Art. Über die Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg.
Ich kann nicht anders: Ich lege meinen Finger nochmal auf den Pulsmesser. Die Wunden blinken wieder im Takt meines Pulses. Diese sichtbare Verbindung zu Jesus tut mir gut.
Als ich das Atelier etwas später verlasse, fühle ich instinktiv nach meinem Puls am Handgelenk. Das sanfte Pochen erinnert mich an den blinkenden Jesuskörper. Und mir wird klar: da liegt meine Verbindung zu Jesus. Im Leben und im Sterben.
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