SWR Kultur Wort zum Tag
Ikonen malen - das ist eine jahrhundertealte Kunst. Viel Aufwand und Kenntnis stecken in den Heiligenbildern auf den Holztafeln. In den orthodoxen Kirchen gehört das Betrachten von Ikonen zu einem frommen Leben unbedingt dazu. Gläubige vertiefen sich in den Kirchen in den Anblick der Bilder und erleben so die Nähe Gottes. Fenster zum Heiligen, werden Ikonen deswegen auch genannt.
Es bedarf einer speziellen Ausbildung, um die Holzflächen entsprechend zu behandeln und dann – im Gebet – die Farben aufzutragen. Manche Ikonen sind dadurch nach Hunderten von Jahren noch voller Strahlkraft. Und sie sind nicht nur ein großer Kunstschatz in den Kirchen, sondern werden auch innerhalb von Familien von Generation zu Generation weitergegeben. So verwebt sich auch Familiengeschichte in die besonderen Bilder hinein.
In der Ukraine sind nun neue Ikonen entstanden. Sonia Atlantova und Oleksandr Klymenko haben dafür Reste leerer Munitionskisten verwendet. Kisten, die vielen den Tod gebracht haben. Das russische Militär hat sie zurückgelassen. Auf die rohen Seitenbretter und Deckel dieser Todeskisten malt das Künstlerpaar klassische Ikonen. Sie arbeiten ohne Grundierung und benutzen Farben, die sie teilweise aus der Asche, dem Rost und der Erde um die Kisten herum anmischen.
Ich schaue mir die Bilder an, die zurzeit in Freiburg ausgestellt sind und stelle fest: Die Umrisse der Madonna mit Kind haben einen grauen Farbton, das Rot im Gewand des Erzengels Michael hat einen Stich ins Rostige. Doch ansonsten zieren die Bretter die vertrauten Bildnisse von Heiligen, Engeln, Christus und Maria. Nur dass hin und wieder verbogene Nägel im Bildnis stecken, das Holz zersplittert ist oder ein Militärstempel durchschimmert. Eine Madonna hat sogar einen Heiligenschein aus platt gedrückten Patronenhülsen. Und auf einer anderen Ikone wirkt die Spaltung im Holz wie eine Tränenspur im Gesicht Marias. Durch die unbehandelten Bretter ist der Krieg in seiner Rohheit beängstigend präsent. Und gleichzeitig spricht aus diesen Ikonen die tiefe Überzeugung: Leben ist und bleibt heilig. Egal wieviel Tod Menschen über Menschen bringen, es gibt einen Bereich, den kein Mensch zerstören kann. Diesen Bereich bezeugen die Heiligen, bezeugt der auferstandene Christus, die Madonna mit dem Kind.
Die Ikonen aus den Munitionskisten sprechen zu mir darüber, dass Gewalt niemals das letzte Wort haben wird. Gerade weil diese Ikonen nicht für die Ewigkeit gemacht sind, bin ich überzeugt: Bis ihre Farben eines Tages verblassen oder das Holz so morsch wird, dass es bricht, wird der Krieg in der Ukraine Geschichte sein. Und das Land hoffentlich im Frieden wieder aufblühen.
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