SWR Kultur Wort zum Tag

06DEZ2025
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Ich persönlich habe es nicht so mit dem Weihnachtsmann. Mit dieser Figur konnte ich nie etwas anfangen, das war mir immer zu kitschig, zu amerikanisch. Da fliegt so ein weißbärtiger alter Mann mit Rentieren und einem Schlitten durch die Gegend und bringt Geschenke. Das ist nichts für mich, bei uns ist immer am 6. Dezember der Nikolaus gekommen und an Weihnacht selber das Christkind. Aber es hat sich scheinbar – ich will nicht sagen der Glaube-, eher das Bild oder die Erzählung vom Weihnachtsmann durchgesetzt. Zumindest ist das mein Eindruck, wenn ich in der Adventszeit ins Fernsehen oder in irgendwelche Schaufenster schaue. Schade, denk ich mir da, aber es ist nun mal so. Dann kommt eben der Weihnachtsmann.

Aber dann, letztes Jahr zu Weihnachten hab ich ihn sogar tatsächlich gesehen. Ich habe ihn am Heiligen Abend dabei beobachten können, wie er Geschenke verteilt hat. Das hat mich selber am meisten überrascht, denn damit hätte ich nicht gerechnet. Ich gehe am Heiligen Abend gerne spazieren, ich mag die Ruhe, die festliche Stimmung, die aus den Häusern bis hinaus auf die verlassene Straße schwappt. Diese festliche Ruhe. Und wie ich diese Ruhe genossen habe, war er plötzlich da. Er hat ganz anders ausgesehen. als erwartet. Aber mir war sofort klar, wenn es einen Weihnachtsmann gibt, dann muss es der sein. Er war nicht dick, nicht einmal alt. Hatte keinen weißen Bart, da war auch nirgends ein Schlitten und erst recht kein Rentier. Im Gegenteil: Er war hager und jung. Hatte schwarzes Haar. Er hatte anstatt einer Kutsche, einen etwas verbeulten Lieferwagen. Er war schnell, rannte von seinem Auto zu den Häusern, warf die Pakete aber nicht in den Schornstein, sondern klingelte und übergab sie persönlich. Aber obwohl er so schnell war, war er offenbar nicht schnell genug, denn es war ja schon dunkel an diesem Heiligen Abend. In manchen Häusern hatte die Bescherung sicher schon begonnen. Aber für diesen Weihnachtsmann war noch kein Feierabend in Sicht. Seine Tour war noch nicht zu ende. Er hüpfte in sein Auto und fuhr eilig weiter. Kein Glockengebimmel, sondern das Dröhnen des alten Lieferwagens, zwei rote Lichter und Dieselgestank begleitete diesen modernen Weihnachtsmann in die Nacht. Ich blieb noch eine Weile  stehen und hab ihm hinterhergesehen. Und ich bin ein bisschen traurig geworden. Alle freuen sich auf den Weihnachtsmann. Aber er bekommt von uns wahrscheinlich – wenn überhaupt- gerade mal den Mindestlohn.

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