SWR Kultur Wort zum Tag

05DEZ2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Schaue ich auf das Geschehen in der Welt, die aktuelle Nachrichtenlage und die Einschätzungen vieler Menschen, denen ich begegne, so war das letzte Jahr ein ziemlich schlimmes Jahr. Und es ist ja noch gar nicht vorbei. Wo man hinschaut Kriege und Krisen und düstere Erwartungen.

Blicke ich aber auf mein persönliches Leben, so war es ein richtig gutes Jahr. Mir ist eigentlich alles gelungen. Ich habe eine Firma gegründet, was für mich eine riesige Herausforderung war - es ist alles gut gegangen. Ich habe dabei ganz neue Fähigkeiten und Talente in mir entdeckt, Dinge geschafft, die ich nie für möglich gehalten hätte. Auch privat ist mir so viel Gutes widerfahren. Alte Freunde haben sich wieder gemeldet und ich hatte viele schöne Erlebnisse. Und bei allem hatte ich das Gefühl, als sei da jemand, der auf mich aufpasst. Als gäbe es einen treuen Begleiter, der mir in allen Lagen, auch und gerade in schwierigen Situationen zur Seite steht. Ich betone das, weil ich das zum ersten Mal in meinem Leben wirklich so empfunden habe. Natürlich muss ich bei diesem Gefühl dann an Gott denken. Es sieht ganz so aus, als wäre Gott die ganze Zeit bei mir gewesen.

Wenn das so ist, dann muss ich mich zugleich aber auch fragen: Warum eigentlich? Ich bin kein besonderer Mensch, ich bin nicht besonders gut, nicht besonders gläubig, fromm schon gar nicht. Gleiche ich meinen Lebenswandel mit dem Sündenregister der Kirche ab, dann lande ich bestenfalls im unteren Drittel. Es gibt also nichts, das es rechtfertigt, dass ich in diesem Jahr so beschenkt worden bin, wenn zur gleichen Zeit Menschen verhungern, ermordet oder vertrieben werden.  Während all das Elend auf der Welt passiert, scheint mir die Sonne aus dem – sie wissen schon. Das geht alles nicht zusammen. Das ist nicht gerecht. Dennoch ist es so. Dennoch bin ich der Günstling.

Offenbar ist es so, dass der liebe Gott mir bislang und vor allem in diesem Jahr, ein gutes Leben schenkt. Und das ganz unverdient, ich habe nichts dafür getan. Vermutlich klingt das komisch, aber ich glaube, das muss ich aushalten. Ich habe keinen Einfluss auf seine Entscheidungen.

Vielleicht kommt es auch gar nicht darauf an, warum mir so viel Gutes widerfährt, sondern was ich mit dem Guten mache. Vielleicht habe ich nur einen Vertrauensvorschuss bekommen. Als würde Gott sagen: Da hast Du – und jetzt mach mal. Mach es gut!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43292
weiterlesen...