SWR Kultur Wort zum Tag
Ich mache gerne Sport. Vor allem Radfahren und Klettern haben es mir angetan. Und ich bin auch ganz gut, habe in beiden Sportarten ein gewisses Können und ein gewisses Talent. Ich kann ohne großes Training morgens schön radeln oder einen leichten Fels hochsteigen. Das strengt mich nicht sonderlich an, ich bin da in meinem Wohlfühlbereich. Wenn ich aber mehr will, wenn ich eine bestimmte Zeit Fahrradfahren will oder einen bestimmten Schwierigkeitsgrad klettern, dann wird es ungemütlich. Dann muss ich dafür was tun. Dann muss ich trainieren, üben, meinen Lebenswandel anpassen. Und das, ist oft unbequem. Um weiterzukommen, muss ich also meinen Wohlfühlbereich verlassen. Ich glaube, das ist in vielen Bereichen so: In unseren sozialen Interaktionen, im Beruf oder bei allen Hobbies. Wir haben in vielen Dingen eine gewisse Grundbegabung. Wenn ich weiterkommen will und mich entwickeln will, dann muss ich mich aber anstrengen. Und genauso, scheint es mir, ist es mit meiner Beziehung zu Gott. Vor allem in unserer Wohlstandswelt, haben wir uns oft so einen Wohlfühlgott zurechtgelegt. Gott ist gut und Gott ist lieb und er liebt uns immer alle. Und weil er alle immer liebt, kann ich machen, was ich will. Der liebe Gott stört mich nicht sonderlich dabei. Im Gegenteil, ich kann ihn immer heranziehen, um mich besser zu fühlen. Das funktioniert ganz gut. Wenn ich aber weiter will, wenn ich tiefer gehen will, wenn ich eine ernstere Beziehung haben will, dann muss ich mich anstrengen. Dann muss ich mich mit Gott, mit dem Glauben und letztendlich auch mit mir selbst und meiner Weltsicht auseinandersetzen. Mich den Widersprüchen stellen, mich dem stellen, was mich abstößt.
Warum ist die Welt so ungerecht, wenn Gott angeblich gerecht ist? Warum soll es gut sein nicht zu lügen oder am Freitag kein Fleisch zu essen? Was ist der Sinn des Ganzen?
Was bedeutet für mich Spiritualität?
Diese Auseinandersetzung ist anstrengend, schmerzhaft, oft einsam und macht häufig überhaupt gar keinen Spaß. Sie hat nichts mit wohlfühlen zu tun. Aber, ich denke, sie lohnt sich. Wie es sich für mich lohnt körperlich fit zu sein, hilft es auch sich geistig und geistlich fit zu machen. Aber, wie gesagt, das ist eben mit Aufwand verbunden. Ich glaube aber, man muss den Wohlfühlgott hinter sich lassen, um sich dann wirklich mit Gott wohlfühlen zu können. Es ist zu wenig auf dem Status stehenzubleiben, dass Gott uns alle immer liebt. Obwohl er das natürlich tut.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43291