SWR4 Sonntagsgedanken
Heute habe ich die Wahl, worüber ich spreche. Weil der 9. November ein Tag mit vielen Erinnerungen ist. Unmittelbar mit dem Ende des Ersten Weltkriegs wird am 9.11.1918 die erste deutsche Republik ausgerufen. 1989 fällt am gleichen Datum die Berliner Mauer. Aber darum geht es mir heute nicht. Für mich steht jetzt etwas anderes im Mittelpunkt, das den 9. November wirklich zum „deutschen Schicksalstag“ macht. In der Nacht auf heute vor 87 Jahren haben Nazis Synagogen überfallen und die Kultstätten geschändet, Juden aus ihren Häusern gezerrt, geschlagen und gedemütigt. Die Reichspogromnacht war der große Auftakt für die Judenverfolgung in unserem Land; die dann so schrecklich wurde, dass man es kaum wahrhaben will und gerade deshalb immer wieder darüber sprechen muss. So wie ich heute. Das ist mein Thema an diesem 9. November 2025.
Ich spreche darüber, weil ich es für unverzichtbar halte, dass wir unsere Geschichte kennen. Unser Leben heute hängt eben notwendig mit dem zusammen, was früher passiert ist. Niemand kann sich der Geschichte des Landes entziehen, in dem er lebt und dessen Bürger er ist, genau so wenig wie seiner Lebensgeschichte. Ich bin der, der ich bin, weil mein Leben so verlaufen ist, wie es nun mal war. Und ich bin Deutscher mit allem, was meine Vorfahren getan haben, das Gute und das Böse.
Die Reichspogromnacht vom 8. auf den 9. November 1938 war böse. Jüdinnen und Juden, Frauen, Männer, Kinder werden wegen ihres Glaubens ausgegrenzt, verachtet, verfolgt, ermordet. Das muss ich mit bedenken, wenn ich als deutscher Pfarrer im Radio immer wieder davon spreche, dass jeder Mensch vor Gott gleich ist. Demnach also keiner wegen eines äußeren Merkmals geringgeachtet werden darf. Die Nazis haben das jedoch im großen Stil getan: Kommunisten, Homosexuelle, Behinderte, Pfarrer – alle, die ihnen nicht ins Konzept passten, haben sie aus dem Weg geräumt. Aber am meisten hat es die Juden getroffen. Sie waren der Sündenbock, auf den man alle Probleme geladen hat, um von sich selbst abzulenken. An allem waren angeblich die Juden schuld: an der Arbeitslosigkeit, an Krankheiten, zuletzt am Krieg.
*Leider hat dieses Denken eine lange Tradition in Deutschland. *Leider sind daran nicht zuletzt Christen beteiligt gewesen. *Leider gibt es wieder mehr Antisemitismus in Deutschland. Weshalb es gerade für Christen wichtig ist, dem etwas entgegenzusetzen, davon gleich mehr nach etwas Musik.
{Heute vor fast neunzig Jahren brannten in Deutschland die Synagogen. Die Erinnerung an diesen dunklen Teil der deutschen Geschichte muss Konsequenzen haben. Darüber spreche ich heute in den SWR4-Sonntagsgedanken - am 9. November, dem deutschen Schicksalstag. Denn …}
… heute leben Juden in unserem Land erneut in Angst. Wenige haben den Mut wie Michel Friedman öffentlich aufzutreten und deutliche Worte gegen Judenfeindschaft zu finden. Im Hessischen Landtag hat er dazu vor einem Jahr eine großartige Rede gehalten. Friedman macht dabei deutlich, dass keiner sich anmaßen darf „zu bestimmen, wer ein Mensch ist, wer ein Deutscher ist.“ Wer in einem deutschen Parlament sitzt, aber so denkt, dem geht es nicht um das Wohl anderer, sondern er arbeitet gegen Menschen. Friedman nennt solche Politiker „geistige Brandstifter“[1].
Auch deswegen müssen jüdische Einrichtungen von der Polizei bewacht werden. Jüdische Kinder gehen unter Polizeischutz in die Schule und trauen sich nicht in ihren Klassen zu ihrem Glauben zu stehen. Wer die Kippa trägt, muss damit rechnen, schräg angeschaut, verhöhnt oder geschlagen zu werden. So weit sind wir inzwischen wieder. Und das ist eine Schande. Weil es auch bedeutet, dass die Erinnerung an das Böse der Nazi-Diktatur sich nicht ausreichend in den Köpfen verankert hat. Was aber dringend nötig wäre: als abschreckendes Beispiel für etwas, das so nie wieder geschehen darf.
Als Christ habe ich dabei eine besondere Verantwortung. Denn mein Glaube hat seine Wurzeln im Judentum. Jesus war Jude. Und in dem, was ich glaube und wie ich lebe, steckt ganz viel an jüdischer Tradition. Weshalb alle Juden meine Schwestern und Brüder sind. An denen ich auch Kritik üben darf, wie man das in einer Familie tut. Ich muss nicht mit allem einverstanden sein, schon gar nicht mit der aktuellen Politik in Israel. Aber, und dies ist ein nachdrückliches Aber: Ich fühle mich jüdischen Menschen gegenüber besonders verantwortlich, in Deutschland mit seiner Geschichte.
Ich frage mich, was ich als einzelner tun kann. Gegen Rassisten, Judenhasser und Hetzer, die unsere Demokratie zerstören wollen. Michel Friedmann hat die Frage in seiner Rede aufgegriffen und dann über Oskar Schindler gesprochen. Der Industrielle Schindler hat versucht, Juden während des Dritten Reichs in seiner Fabrik zu schützen und sich damit in Gefahr gebracht. Friedman sagt im Rückblick: Im Endeffekt, hat er einfach das getan, was er für richtig und zwingend nötig gehalten hat. Und so seine Antwort gegeben: Einfach handeln.
Und weil ich selbst auch oft unsicher bin, was das Richtige ist, und wie ich was bewegen kann, halte ich seinen Rat für klug: Einfach handeln.
[1]https://www.hessenschau.de/politik/landtag/oskar-schindler-wuerde-sie-verachten-wie-michel-friedman-mit-der-afd-abrechnete-v3,friedman-rede-landtag-afd-100.html
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43289