Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Sorgsam hat Papst Leo XIV. den Faden seines Vorgängers Franziskus aufgenommen und in seinem ersten Rundschreiben weitergesponnen 1): Es geht ihm um die „Vorliebe“ Gottes für die Armen, wie Jesus von Nazareth sie gelebt hat (21). Nächstenliebe ist nämlich keineswegs nur ein hübsches, sympathisches Accessoire der christlichen Kirchen, sondern bildet den Glutkern unseres Glaubens, so der Papst (15). Daher nimmt er die Getauften in die Pflicht: Durch unsere Liebe müsse jeder Arme erfahren, dass ihm die Zusage Jesu gilt: „Ich habe dir meine Liebe zugewandt“ (Buch der Offenbarung 3,9).
Mit den „Armen“ meint Leo nicht nur die Habenichtse, die bettelnd auf dem Asphalt hocken. Er meint auch die „Armseligen“, wie wir sagen, die „keine Stimme haben und deren Würde man missachtet“ (76). Jene, die man gar nicht wahrnimmt und die ihre Armut ausleiden in kalten Kammern der Einsamkeit. Arme Alte etwa mit mickrigen Renten. Alleinerziehende Frauen in der Sorge um ihre Kinder und ein ausreichendes Einkommen. Verwahrloste junge Menschen ohne Perspektive. Es gibt so viel verschämte Armut, manchmal schon gegenüber der eigenen Wohnungstür.
Auch der jetzige Papst fordert wie sein Vorgänger, „weiterhin die Diktatur einer Wirtschaft, die tötet, anzuprangern“ (92) und die Güter neu zu verteilen. Das gilt auch für uns, wo 10 % der Reichsten im Lande über 60 % des Volksvermögens verfügen. Kein Wunder, dass die Armut steigt und nun 13 Millionen Menschen von Armut betroffen oder bedroht sind.2)
Und nun gerät auch noch der Sozialstaat aus den Fugen, weil wir 5 % der Wirtschaftskraft in Rüstung verpulvern. Die bezahlen vor allem die Arbeitenden und die Armen über rigorose Einsparungen. Für die Kapitalanleger hingegen waren Rüstung und Krieg schon immer ein Geschäftsmodell. Die Aktienkurse der Rüstungskonzerne schießen durch die Decke!
Da ist sozialer Unfriede vorprogrammiert. Die steigende Arbeitslosigkeit wird die Spaltung noch vertiefen. Daher möchte ich der Politik die Mahnung des Papstes in die Parteibücher schreiben: Wir müssen alles dran setzen, „die strukturellen Ursachen der Armut zu beseitigen“ (97).
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1) Papst Leo XIV.: „Dilexi te“ – Über die Liebe zu den Armen (Rom 2025)
2) Der Paritätische Armutsbericht 2025
