Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Wie das wohl wäre, wenn meine Eltern nicht auf einem Friedhof beerdigt wären, sondern in einem Fluss? In Rheinland-Pfalz gibt es seit dem Herbst ein neues Bestattungsgesetz: Ich kann jetzt auch festlegen, dass meine Asche nach meinem Tod im Rhein oder in der Mosel verstreut werden soll. Aber ehrlich: Für mich wäre das nichts. Und ich bin froh, dass meine Eltern in einem Grab auf dem Friedhof liegen. Ab und zu dort zu sein, das ist mir wichtig.
Ich steh dann an dem Grab, in dem meine Mutter seit über 30 Jahren und mein Vater seit knapp drei Jahren liegt. Ich zünde ein Grablicht an, bete ein Vaterunser – und ich erinnere mich an sie. Daran, wie meine Mama mich jeden Morgen umarmt und mir mit dem Daumen ein Segenskreuz auf die Stirn gezeichnet hat, bevor es aus dem Haus ging. Daran, wie mein Papa auch noch im hohen Alter und als er gar nicht mehr viel reden konnte, meine Hand gesucht und gedrückt hat. Natürlich erinnere ich mich nicht nur an meine Eltern, wenn ich an ihrem Grab stehe. Ich denke immer wieder einmal an sie, auch mitten im Alltag. Und trotzdem: Der Friedhof ist ein besonderer Ort der Erinnerung für mich.
Jetzt im November gehen viele Menschen auf die Friedhöfe. Es gibt die besonderen Totengedenktage: Allerheiligen und Allerseelen in der katholischen Kirche, oft werden da die Gräber mit Weihwasser gesegnet. Morgen ist der Volkstrauertag, auch da gibt es Veranstaltungen auf den Friedhöfen. Und nächste Woche begeht die evangelische Kirche den Ewigkeitssonntag. Da werden im Gottesdienst oft die Namen der Verstorbenen aus dem letzten Jahr genannt. Die Friedhöfe im November haben eine besondere Atmosphäre, und ich mag das: Einerseits ist es dunkel und trüb. Und andererseits flackern auf vielen Gräbern Grablichter und es liegen da liebevolle Gestecke aus getrockneten Blumen. Mir tut es gut, mit dem Friedhof einen besonderen Ort für Erinnerung und Trauer zu haben – und auch für Dankbarkeit und Trost.
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