SWR3 Gedanken
Es ist Sonntagmorgen, 10:10 Uhr. In fünf Minuten halte ich Gottesdienst, wie fast an jedem Sonntag seit über 10 Jahren. Mein Herz pocht laut. Ja, auch und trotz Routine bin ich immer noch aufgeregt vor Gottesdiensten. Jedes einzelne Mal.
Aufregung. Herzrasen. Rote Stressflecken am Hals und Unsicherheiten begleiten mich schon mein ganzes Leben lang. In meiner Kindheit und Jugend war es sehr schlimm. Oft hatte ich deshalb Angst vor der Schule. Meine mündlichen Noten waren katastrophal, weil es mich riesige Überwindung gekostet hat, mich zu Wort zu melden. Und ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie ich mein erstes Referat gehalten habe, zitternd vor der ganzen Klasse.
Ich habe hart an mir arbeiten müssen, um diese überdurchschnittlich starke Aufregung in den Griff zu bekommen. In einer Verhaltenstherapie habe ich viele Tricks gelernt, wie ich mit aufkommender Panik zurechtkommen kann. Für die Aufregung vor dem Gottesdienst habe ich mittlerweile ein ganz eigenes Ritual entwickelt, dass mich stärkt und ermutigt.
Immer dann, wenn mein Herz so laut schlägt, dass ich das Gefühl habe, alle anderen könnten es auch hören, atme ich tief ein und aus und sage: „Hey Jesus, schön, dass Du bei mir anklopfst und wie gut, dass Du auch dabei bist. Ich hätte aber eine Bitte: Geht das Klopfen ein wenig leiser? Ich mache ja schon die Tür auf und dann feiern wir gemeinsam Gottesdienst.“ Meistens gehe ich dann mit einem breiten Grinsen im Gesicht in die Kirche. Und manchmal hilft es auch schon, wenn ich einfach nur zurückklopfe. Zwei, dreimal an die eigene Herzenstür geklopft und schon weiß ich, dass ich nicht alleine bin.
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