SWR3 Worte
Der neunte November ist ein komplizierter Tag, finde ich. Und ich weiß gar nicht, was ich heute fühlen soll: Scham wegen der Abscheulichkeiten, die im Lauf der Geschichte an dem Datum passiert sind – oder doch lieber Freude, weil heute vor 36 Jahren die Berliner Mauer gefallen ist? Ich würde ja sagen: Hauptsache keine Gleichgültigkeit- und dafür liefert mir der Autor Rafik Schami gute Gründe:
Die Gleichgültigen nehmen alles hin, wie es kommt. Sie sind weder dafür noch dagegen. Sie folgen Faschisten, Kommunisten oder Liberalen, ohne eine politische Haltung zu haben. Das garantiert ihr Überleben, denn für Gleichgültigkeit gibt es in keiner Gesellschaft eine Strafe […].
[Wer gleichgültig ist]) hat stets eine Entschuldigung parat: »Man blickt nicht durch«; »Man kann als Einzelner sowieso nichts verändern«; oder: »Was da genau geschehen ist, wer weiß, vielleicht sind sie die Opfer selber schuld.« Er ist programmiert aufs bloße Überleben und die Geschichte bestätigt ihn heimlich. Die Gleichgültigen überleben. Und sie möchten gerne nach gesellschaftlichen Katastrophen das Unschuldslamm spielen, aber ihre Mitschuld macht sie zu einem stinkenden Hammel.
Rafik Schami, Über die Gleichgültigkeit, Berlin/Tübingen
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