SWR1 3vor8
Manchmal schreiben mir Hörerinnen oder Hörer, wenn sie mich im Radio gehört haben. Bedanken sich für einen anregenden Gedanken, erzählen, was sie noch beschäftigt hat. Manche stimmen mir zu, andere nicht. Und manche hauen mir ihre gesammelte Wut auf die Kirche und ihr Personal um die Ohren. Was alles dahinter steckt, kann ich oft nur vermuten. Aber manchmal trifft mich so eine Nachricht, ob ich will oder nicht, auch ganz persönlich. Ärgert oder verletzt mich. Manchmal hab ich dann große Lust, genauso aggressiv und pampig zurückzuschreiben. Ich versuche aber, erst mal eine Nacht drüber zu schlafen. Denn morgens gelingen sachliche Formulierungen und ein freundlicher Tonfall meist besser. Und siehe da: Schon oft ist es passiert, dass die Hassschreiber ganz überrascht reagieren, weil sie eine Antwort erhalten und sich mit ihrem Anliegen ernst genommen fühlen. Manche entschuldigen sich sogar für ihren rüden Ton. Ein Automatismus wird positiv durchbrochen, jemand kommt zur Besinnung.
Ich glaube, das ist es, was Jesus beabsichtigt, wenn er in der Bergpredigt sagt: „Liebet eure Feinde. Tut denen Gutes, die euch hassen. Segnet die, die euch verfluchen. Betet für die, die euch beschimpfen. Schlägt dich einer auf die Backe, halte ihm auch die andere Backe hin. Und nimmt dir einer den Mantel weg, dem überlasse auch das Hemd.“ Diese Sätze muss man erst mal auf sich wirken lassen. Sie sind ja wirklich eine Zumutung! Aber sie bieten eben auch diese Chance: dass aus Konfrontation etwas andres werden kann. Ich glaube, sie sind ein Versuch, vorhersehbare Gewaltspiralen zu durchbrechen: Eine Beleidigung nicht mit einer noch ätzenderen Beleidigung kontern. Das Streitgespräch mit einer Liebeserklärung durchkreuzen, statt die schon tausendmal ausgetauschten Argumente nochmal rauszuhauen. Den, der mir immer so blöd kommt, überrumpeln mit einem Satz oder einer Geste, mit der er im Leben nicht gerechnet hat. Und im besten Fall können wir dann darüber in ein echtes Gespräch kommen, oder zusammen in helles Gelächter ausbrechen. Keine Garantie, dass das immer funktioniert. Und was Jesus in der Bergpredigt sagt, bleibt eine Zumutung. Aber eine, die es Wert ist, finde ich. Schreiben Sie mir gerne, was Sie davon halten. Ich schreib auch zurück.
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