SWR4 Sonntagsgedanken
Endlich wieder festen Boden unter den Füßen! Kennen Sie dieses Gefühl? Ich habe es jedes Mal, wenn ich nach einer Schiffstour wieder an Land gehe. Dann schwankt die Welt trotzdem noch eine ganze Weile hin und her, vor allem im Kopf. Und das geht mir selbst dann so, wenn der Wellengang auf dem Wasser gar nicht so hoch gewesen ist.
Wie muss ich mir das erst bei Noah vorstellen? Die Bibel erzählt von ihm eine kuriose Abenteuergeschichte: Über eine riesige Flutkatastrophe, über meterhohe Wellen, und obendrauf wie in einer Nussschale: Noah und seine Familie in einem selbst gezimmerten Kasten aus Holz. Acht Leute waren da drin: auf engstem Raum zusammengepfercht mit einem ganzen Stall voll Tiere. Monatelanges Schaukeln und Schwanken, bis es nach einer gefühlten Ewigkeit endlich wieder aufgehört hat zu regnen und zu stürmen, sich die Wassermassen verlaufen haben und alle wieder rauskonnten aus der Arche.
Die Bibel erzählt auch, dass Gott selbst es gewesen ist, der alles im Wasser hat untergehen lassen. Und die ersten Tage nach der großen Flut waren sein Neuanfang mit den Menschen. Alles auf Anfang. Eine zweite Schöpfung, eine zweite Chance. Ich stelle mir diesen Moment bildhaft vor: Wie Noah und seine Familie aus der Arche kommen und erst mal ganz schön herumtorkeln. Endlich wieder festen Boden unter den Füßen! Er spürt, dass die Erde ihn wieder trägt. Und baut als erstes aus Treibgut einen Altar und lässt seinen Dank in den Himmel steigen zu Gott, der ihnen das Leben gerettet hat. Gott lässt sich von diesen Bildern beeindrucken. Er hat selbst etwas gelernt. Die riesige Naturkatastrophe, die er herbeigeführt hat, hat ihn zutiefst erschüttert. Die Bibel beschreibt wunderschön, wie Gott mit sich selbst Zwiesprache hält und beschließt: „Nie wieder will ich die Erde wegen der Menschen verfluchen. Denn sie haben sowieso nur Böses im Sinn. Nie wieder will ich alles Lebendige so schwer bestrafen, wie ich es getan habe.“ Und dann gibt er der Welt ein großartiges Versprechen. Es lautet: „Solange die Erde besteht, werden nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ Gott begrenzt freiwillig seine Macht, weil er erkannt hat: Es bringt gar nichts, die Menschen mit schrecklichen Naturereignissen auf bessere Gedanken bringen zu wollen. Sie lernen ja doch nichts dazu.
„Nach mir die Sintflut!“ Das war noch nie ein kluges Motto. Was in zehn, zwanzig Jahren los ist, interessiert mich nicht. Hauptsache, jetzt geht es mir gut! Aber inzwischen ist es lebensgefährlich geworden, so zu denken und erst recht so zu handeln. Denn was wir heute tun, hat morgen schon Konsequenzen, nicht erst in einer fernen Zukunft. Und was wir gestern nicht getan haben, belastet uns heute umso mehr. Die Welt ist gewaltig ins Wanken geraten. Was einmal sicher und verlässlich war, schwindet schneller als man gucken kann. Manchmal komme ich mir vor, als säße ich wie Noah in einem klapprigen Kasten, alles um mich herum schaukelt und schwankt, und es ist überhaupt nicht klar, wann und wo wir einmal wieder festen Boden unter die Füße kriegen werden. Es frustriert mich, dass ich meinen Kindern und ihrer Generation keine intakte Welt und keine sorgenfreie Zukunft hinterlassen kann. Da bin ich so realistisch wie der liebe Gott nach der Sintflut: Es kommt nichts Gutes dabei heraus, wenn man die Menschen einfach machen lässt.
Was mich dann trotzdem nicht verzweifeln lässt? Was mir Hoffnung macht? Das sind unter anderem all die Geschichten, die in der Bibel nach der Sintflut erzählt werden. Ich habe es einmal so zusammengefasst: Anfänge zu machen, ist Gottes Lieblingsbeschäftigung. Und damit wir das nie nicht vergessen, hat Gott sich etwas ganz Besonderes einfallen lassen. Nach der Sintflut hat er im Spiegel der letzten Regentropfen und mit den endlich wieder aus den Wolken hervorbrechenden Sonnenstrahlen einen fetten Regenbogen um die Erde gezogen. Dieser Regebogen, hat er zu Noah gesagt, ist mein Geheimzeichen: Immer, wenn er am Himmel erscheint, sollt ihr euch an meine Worte erinnern: Solange die Erde besteht, werden nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ Haben Sie in den letzten Wochen auch mal wieder einen Regenbogen gesehen? Es gab so viele. Und jeder einzelne ein Versprechen: Vertrau darauf: Du hast festen Boden unter den Füßen.
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