Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

08NOV2025
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Ich schiebe meinen Einkaufswagen durch den Supermarkt. Es ist nicht besonders viel los heute. Im Gang etwas weiter sitzt eine Frau auf ihrem Rollator, vorne im Rollatorkorb einige Einkäufe. Ich höre wie sie einem Mann mit karierter Kappe zuruft: Salz brauchen wir, das mit Jod! Der geht gerade suchend an einem Regal entlang: „Was sagst du?“ „Sa-halz, Jodsalz, hier vorne, hier steht’s!“ Der Mann ist schon fast um die Ecke: „Steaks? Ah, da muss ich gleich nochmal zurück zur Fleischtheke.“ Eine Frau im grünen Mantel grinst, bückt sich nach dem Salz in der gelben Verpackung und gibt es der Frau auf dem Rollator. Beide lächeln. Der Mann kommt von hinten zurück, hat ein Päckchen in der Hand und sagt: Ich habe Schokoladenpudding geholt, den mache ich uns heute Abend.“

Ich glaube, er merkt gar nicht, wie seine Frau lächelt. Er geht schon weiter mit dem Einkaufszettel in der Hand.

Es gibt ja diese Orte in unserem Alltag, da treffen wir Menschen, die zufällig im gleichen Ort und zur gleichen Zeit leben. Oder mindestens dort einkaufen, wo ich einkaufe. Manche trifft man häufiger, etwa diejenigen, die an der Kasse sitzen. Manche nur einmal.

Manchmal reden wir von „Zeitgenossen“, aber doch vor allem dann, wenn es um wichtige Persönlichkeiten geht. Wenn wir es so sagen, wie die Geschichtsbücher: „Der und der war ein Zeitgenosse von Goethe“.

Zeitgenossinnen und -genossen. Diese beiden im Supermarkt: die Frau mit Rollator, ihr Mann mit der karierten Kappe. Und ich. Ich weiß gar nichts über sie, nur dass sie ein bisschen schlecht gehen kann und er ein bisschen schlecht hört.

Kluge Menschen haben solche schönen Sätze in die Bibel aufgeschrieben wie: „Lasst uns aufeinander achten“ (Hebräer 10,24). Nicht bedauern, dass sie nicht mehr gehen kann. Oder dass er bisschen tattrig geworden ist. Nicht auf das sehen, was jemand nicht mehr kann. Sondern Acht haben, Achtung haben vor der Art und Weise, wie jemand seinen oder ihren Alltag meistert. Und vor allem: Wahrnehmen, was jemand liebt.

Lasst uns aufeinander achten und bei Menschen, denen wir zufällig begegnen, ihre Geschichte ahnen. Und einfach vermuten, dass sie gern Schokoladenpudding essen. Das ist nicht das schlechteste, was man über einen Menschen annehmen kann.

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