SWR1 3vor8
Als mein Vater vor sechs Jahren starb, wie sehr hätte ich mir da für einen Moment gewünscht, seinen Tod rückgängig machen zu können. Womöglich geht es vielen so, die einen geliebten Menschen verlieren. Aber den Tod rückgängig machen, das geht nicht. Wenn etwas in diesem Leben unwiderruflich und endgültig ist, dann ist es der Tod.
Doch der Bibeltext, der heute, am Fest Allerseelen, dem Gedenktag für alle Verstorbenen, in den katholischen Kirchen verlesen wird, erzählt etwas anderes. Da wird Jesus zu einem schwerkranken Freund gerufen, Lazarus. Als er endlich dort ankommt, ist dieser Lazarus schon seit vier Tagen tot. Marta, die Schwester des Toten, ist sich sicher: Ihr Bruder wäre gar nicht erst gestorben, hätte Jesus früher da sein können. Aber der sagt zu ihr: Dein Bruder wird auferstehen. Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt. Was er Marta damit wohl sagen will: Wer wie Lazarus auf Gott vertraut hat, der wird leben. Auch nach dem Tod. Sicher völlig anders als im Hier und Jetzt. Aber er wird leben. Wenig später wird dann sogar erzählt, wie Jesus zum Grab hinausgeht und den seit Tagen toten Freund zurück in dieses Leben holt. Eine Vorstellung, mit der nicht nur ich mich schwertue.
An dieser Stelle könnte ich natürlich aussteigen, das Ganze als abstruses Märchen abtun. Denn diese Art von Happy End gibt es nicht. Nichts und niemand hätte meinen Vater damals wieder lebendig machen können. Das ist die bittere Wahrheit, mit der sich jede und jeder abfinden muss, der einen Menschen verliert. Doch wenn ich das, was die Bibel erzählt, nur darauf verkürze, dass es ja biologisch absurd ist, übersehe ich vielleicht das Entscheidende: Dass es letztlich nicht darauf ankommt, ob ein Toter wieder lebendig herumspaziert. Es kommt darauf an, dass es etwas gibt nach dem Tod. Nicht irgendwann in ferner Zukunft, sondern jedes Mal, wenn ein Mensch stirbt. Die Wundergeschichte von Lazarus erzählt eben keine Naturwissenschaft. Sie erzählt vom Glauben. Von der Hoffnung, die gläubige Menschen seit alters her mit Gott verbinden. Von der Hoffnung, dass es noch mehr geben kann als dieses Leben - über den Tod hinaus.
Mir hat dieser Glaube damals sehr geholfen. Meinen Vater musste ich loslassen. Unwiderruflich. Aber die Hoffnung, dass er nun in einem anderen, besseren Dasein ist und dass wir uns dort vielleicht einmal wiedersehen, irgendwann, die hat mich getröstet.
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