Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Zwei unserer Kinder mögen es immer noch, wenn ich oder meine Frau ihnen abends zum Einschlafen etwas vorsingen. Und das mache ich auch gerne. Seit Jahren nehme ich da meistens dasselbe Lied: ein gesungenes Gebet zu Gott. Es enthält folgende Zeile: „Decke alles, was atmet, mit deiner Liebe zu“. Ich singe das Gebet auch für mich, denn mir gefällt der Gedanke, dass wir Eltern nicht die Einzigen sind, die unsere Kinder abends zudecken. Und dass sie zum Einschlafen noch mehr bekommen als eine warme Decke, ein Dach über dem Kopf oder ein Gute-Nacht-Lied. Sondern auch Gottes Liebe.
Außerdem reicht dieses Gebet ja noch über unsere Kinder und ihre Betten hinaus: „Decke alles, was atmet, mit deiner Liebe zu“. „Alles, was atmet“ – das sind auch die Nachbarn, die anderen Familien in der Stadt, einfach alle weltweit. Und auch längst nicht nur Menschen. Unsere Meerschweinchen eine Etage tiefer sind da genauso gemeint, die Schildkröte draußen im Garten, die Vögel draußen im Baum, die Spinnen drinnen an den Wänden. (Klar, die natürlich auch.)
Aber unseren Kindern geht sogar das noch nicht weit genug. Und schon als sie noch viel kleiner waren, haben sie protestiert gegen den Liedtext. „Papa! Warum nur ‚alles, was atmet‘ – dann fehlen ja die Pflanzen! Die brauchen Gottes Liebe doch auch!“
Sie wussten auch gleich eine Alternative – und seitdem singe ich das Lied immer ein bisschen anders: „Decke alles, was lebt, mit deiner Liebe zu“. Vom Rhythmus her klingt das ein bisschen holprig, der Text passt nicht mehr so richtig zur Melodie. Aber unsere Kinder haben mich überzeugt. Beim Singen fühle ich mich tatsächlich verbunden mit der gesamten Schöpfung. Menschen, Tiere, Pflanzen – sie alle gehören zusammen. Und sind angewiesen auf so viel mehr als man sieht.
Ach ja: Inzwischen, wo unsere Kinder gar nicht mehr so klein sind, könnte ich ihnen ja erklären, dass tatsächlich auch die Pflanzen atmen und dabei Sauerstoff aufnehmen. Über ihre Zellen. Vielleicht gilt das ja – und ich bekomme den Original-Liedtext wieder durch. Und dann ist wirklich die gesamte Welt gemeint: „Decke alles, was atmet, mit deiner Liebe zu“.
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