Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

07NOV2025
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„Nächstes Jahr laufe ich Marathon!“ Ein Patient hat das zu mir gesagt – in der Klinik, in der ich als Seelsorger arbeite. Und er hat mich vielsagend angeschaut dabei. Humor lag in seinem Blick, Zuversicht, aber genauso Trauer und Schmerz. Uns beiden war in diesem Moment völlig klar: Es wäre schon ein medizinisches Wunder, wenn er überhaupt jemals wieder laufen könnte, und seien es nur die paar Meter vom Bett ins Bad.

Die nächsten Wochen über bin ich immer wieder mal bei ihm vorbeigekommen, wir haben uns ausgetauscht über Gott und die Welt. Nebenbei habe ich die weiteren Untersuchungen mitbekommen, neue Diagnosen, sein Therapieprogramm – intensives Training, mehrmals täglich. Ich habe miterlebt, wie er Stück für Stück einen neuen Lebensalltag eingeübt hat. Und dabei auch seine Familie und den Freundeskreis mitgenommen hat. Und ich habe mich gefragt: Was soll das eigentlich anderes sein als ein Marathon? Und ja nicht nur für 42 Kilometer, sondern ein ganzes Leben lang …

Im Krankenhaus erlebe ich das immer wieder – dass Menschen ihren ganz persönlichen Marathon absolvieren. Weil über einen langen Zeitraum hinweg so viele Fragen, Aufgaben, Schwierigkeiten zu klären sind. Und wenn ich es recht überlege: Vielleicht hat das Leben ja immer etwas Marathonmäßiges an sich. Weil es Ausdauer und einen langen Atem braucht und weil auf der Wegstrecke nie alles glatt läuft.

Worin genau der persönliche Lebens-Marathon besteht, das entscheidet sich dann bei jedem Menschen anders. Und genauso, wie das Ziel aussieht. Das ist ja auch beim echten Marathon so. Nicht jeder kann und will da unter drei Stunden laufen. Es kann auch darum gehen, einfach durchzukommen. Oder auch zu akzeptieren, dass man nicht so weit kommen kann wie gehofft.

Jede Teilstrecke aber ist es wert, stolz darauf zu sein. Und dann zu spüren: Ich habe etwas geschafft.

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