SWR Kultur Lied zum Sonntag
O Tod, wie bitter bist du,
Wenn an dich gedenket ein Mensch,
Der gute Tage und genug hat
Und ohne Sorge lebet;
Und dem es wohl geht in allen Dingen
Und noch wohl essen mag!
O Tod, wie bitter bist du.
O Tod, wie wohl tust du dem Dürftigen,
Der da schwach und alt ist,
Der in allen Sorgen steckt,
Und nichts Bessers zu hoffen,
Noch zu erwarten hat!
O Tod, wie wohl tust du!
„Das ist bitter!“ Mit 41 Jahren zu sterben. In der Mitte des Lebens. Auf dem Höhepunkt der Karriere als Sängerin. Ich spreche von Kathleen Ferrier. Sie ist die Interpretin des Lieds, über das ich heute spreche. O Tod, wie bitter bist du!
Johannes Brahms hat ein Jahr vor seinem Tod einen kleinen Zyklus von vier Gesängen nach Bibeltexten komponiert. Brahms nennt sie ernste Gesänge, weil sie sich mit der Vergänglichkeit des Menschen auseinandersetzen. Aber auch mit der Hoffnung auf ein Weiterleben nach dem Tod.
Es gibt eine große Zahl von Einspielungen des Werks. Alle großen Baritone haben diese Brahms-Lieder aufgenommen. Fischer-Dieskau, Quasthoff, Gerhaher und wie sie alle heißen. Aber eine Frau, die Interpretin unserer Aufnahme, die britische Altistin Kathleen Ferrier scheint besonders gut zu wissen, wovon sie singt. Ihre Stimme klingt süß und zugleich zerbrechlich, als stünde ihr der Tod schon vor Augen. Wie ein Mädchen, das nicht wissen kann, was sie da singt, und es doch schon ahnt.
Als Kathleen Ferrier zusammen mit dem Pianisten John Newmark 1950 diese Aufnahme macht, ist sie erst 38 Jahre alt. Das ist drei Jahre vor ihrem Tod. Mit ihrer unverwechselbar zarten Stimme ist sie während des Kriegs durch die Dörfer und Fabriken von Großbritannien gezogen, hat oft im Rundfunk gesungen, um den Menschen Mut zu machen. Und dabei wohl immer wieder auch die „Vier ernsten Gesänge“ von Johannes Brahms, aus dem unser Lied zum Sonntag stammt. Ein Jahr nach der Schallplattenaufnahme, die wir hören, bekommt sie die Diagnose Brustkrebs und wird operiert. Erst scheint sie geheilt, dann muss sie erneut operiert werden.
Der Tod ist nicht nur bitter, sondern tut auch wohl. O Tod, wie wohl tust du dem Dürftigen, der alt und schwach ist. So jedenfalls sagt es das biblische Buch Jesus Sirach am Beginn seines 41. Kapitels. Es sind die Verse, die Brahms vertont hat. Unser Lied ist mit „Grave“ überschrieben, schwer. Aber der letzte Teil klingt erstaunlich leicht, fast frohgemut. Er verschleiert erst das moll und wechselt dann nach Dur. Die Melodie wird warm und harmonisch. Als ob der Todgeweihte sein Glück finden kann, wenn er daran glaubt: Hier auf dieser Welt geht es für mich zu Ende. Aber das ist nicht alles, was mich ausmacht. Ich kann Abschied nehmen und hoffen.
Kathleen Ferrier stirbt 1953 im Alter von 41 Jahren. Davor hat sie sich musikalisch immer mehr ins Thema Tod hineinbegeben; hat die „Kindertotenlieder“ von Gustav Mahler aufgenommen und dessen „Lied von der Erde“; ein Werk, das davon geprägt ist, Abschied zu nehmen. Ihr Mut, sich dem zu stellen, macht mir Mut, es ihr gleichzutun. Den Tod anzunehmen. Den von anderen und den eigenen, der kommen wird. Dass es bitter ist, wenn der Vater stirbt. Das es schwer ist, aber auch wohl tut zu wissen: Es war alles in allem gut so. Dass es hilft, den Abschied von dieser Welt zu üben. Gerade heute - an Allerseelen, an den Gräbern meiner Lieben.
AMS M0303192(AMS) 01-016 4'12 4'12 Nr. 3: O Tod, o Tod, wie bitter bist du
aus: Vier ernste Gesänge, op. 121.
Für Singstimme und Klavier
Kindertotenlieder; Frauenliebe und Leben; Four serious songs; Lieder
Brahms, Johannes; Ferrier, Kathleen; Newmark, John
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