SWR Kultur Zum Feiertag
Steiger: Heute am katholischen Fest Allerheiligen mit Pfarrer Thomas Steiger aus Tübingen und mit Professor Dr. Jens Maschmann, dem leitenden ärztlichen Direktor am Universitätsklinikum Tübingen. Vielen Dank, dass Sie sich Zeit nehmen für das Gespräch.
Maschmann: Sehr gerne.
Steiger: Bei Allerheiligen denkt man ja zunächst mal: das ist ein sehr katholisches Fest. Das haben Sie wahrscheinlich auch gedacht. Warum will denn der Pfarrer Steiger da mit mir drüber sprechen? Ich bin doch gar nicht katholisch. Aber für mich ist das gar nicht so weit hergeholt, weil das Allerheiligenfest eben gerade kein Fest ist, wo es um einen speziellen Heiligen im römischen Heiligenkalender geht, sondern allgemein darum, dass in jedem Menschen etwas Heiliges ist. Herr Maschmann, ist Ihnen auch etwas heilig, und ich meine das jetzt eben nicht nur so im begrenzt religiösen, sondern eher im umfassenden Sinn.
Maschmann: Ja, tatsächlich. Also jetzt, wo Sie es so noch mal hergeleitet haben, kann ich sagen - auch wenn sich das vielleicht total trivial anhört - aber das Schwimmtraining mit meinen Triathlonkumpels freitagabends um 20 Uhr, das ist mir als Termin wirklich wichtig, um nicht zu sagen heilig, weil das ein schöner Abschluss der Woche ist.
Steiger: Und hat es auch was mit den Menschen zu tun, mit denen sie zusammen schwimmen?
Maschmann: Ja, natürlich. Also das ist mehrdimensional und eben die Personengruppe, die sich da trifft. Neue Leute kommen auch immer mal wieder dazu, aber auch langjährig, jahrzehntelang vertraute Personen. Und das ist einfach eine schöne Geschichte. Und auch der Umstand, dass man sich immer noch ärgern darf, dass man nicht mehr so schnell schwimmt wie früher. Aber sagen muss: solange das mein einziges Problem oder in dem Moment mein einziges Problem ist, dann ist die Welt doch noch ganz schön in Ordnung.
Steiger: Wir denken wahrscheinlich schon bei dem Begriff „heilig“ auch an Dinge, die wir nicht sehen können, also die sich unserem menschlichen Zugriff ein Stück weit entziehen. Können Sie damit auch was anfangen, mit dieser Vorstellung, dass das Heilige etwas ist, das wir jetzt nicht genau definieren, genau bestimmen können?
Maschmann: Na ja, es sind ja oft auch Begebenheiten, die einem widerfahren, wo man denkt: warum ist die Person jetzt so? Oder warum ist der Umstand so, wie er ist? Ist das ein Zufall? Ist das mehr, was dahinter steckt? Oft sieht man es ja auch erst retrospektiv, wie bedeutsam so eine Begebenheit dann auch mal gewesen ist. Und von daher kann ich mit dem schon was anfangen, wenn Sie sagen, da gibt es mehr als das, was man vielleicht auf den ersten Blick sieht.
Steiger: Allerheiligen ist ja so was wie ein Sammelfest. Alle Menschen, die auf der Welt waren und etwas Heiliges gezeigt haben, auch die, von denen wir die Namen gar nicht kennen, werden da zusammengefasst, geehrt oder gefeiert. Kennen Sie in Ihrem Leben oder aus Ihrer Lebensgeschichte auch Menschen, die so eine Assoziation bei Ihnen ausgelöst haben? Der oder die ist vielleicht so was wie ein Heiliger?
Maschmann: Also ehrlich gesprochen: nein. Aber ich glaube, das liegt auch daran, dass der Begriff „heilig“ für mich dann doch eher in dieser sakralen Definition so ist, wo man denkt: okay, also bevor man eine Person dieses Attribut „heilig“ gibt, das muss dann schon was Besonderes sein.
Steiger: Also es (das Allerheiligenfest) steht schon ein bisschen auf dem Sockel. Auf das Allerheiligenfest folgt gleich morgen dann das Allerseelenfest, wo vor allem an den Tod erinnert wird. Gibt es Menschen, die bei Ihnen einen besonderen Platz in ihrem Herzen, in ihrer Erinnerung haben, an die sie denken, wenn sie an den Tod denken?
Maschmann: Ja, also ich sage mal diejenigen, die aus der Familie eben schon gehen mussten oder durften. Also meine Oma väterlicherseits, die ist fast 102 Jahre alt geworden und hat…..
Steiger: Wahrscheinlich irgendwann mal gesagt: jetzt würde ich auch…. Könnte ich… wäre ich bereit…der liebe Gott soll….
Maschmann: Genau. Und so ging es bei der anderen Oma, die 96 geworden ist, auch. Und auch beim anderen Opa, auch 96 geworden. Also das sind so drei, die mich einfach aufgrund des Umstandes, dass sie so alt geworden sind, also mich meiner Lebtag begleitet haben. Und auf der anderen Seite ist mein Vater aber sehr früh verstorben, mit 59. Und das sind eigentlich so die Personen, die, wenn es ums Sterben geht, dann eine Rolle spielen. Und das hört sich vielleicht ein bisschen komisch an bei der Aufzählung, aber wir hatten mal zwölf 1/2 Jahre einen Labrador, eine Labradorhündin und die ist jetzt auch schon fünf Jahre tot. Aber die spielt immer noch für die Familie eine Rolle - für meine Frau und unsere Kinder.
Steiger: Da kommen sie jetzt bei mir gerade an den Richtigen. Ich hatte bis Mai auch zwei Hunde. Einer ist gestorben, mit 13 Jahren - begraben bei mir im Garten. Und ich kann das sehr, sehr gut nachempfinden, dass das schwierig ist, manchmal immer noch weh tut, weil der Kuno – so hieß meiner - zu meiner Familie dazugehört hat und zu mir. Und auch was meinen Vater angeht, da scheint es ja doch Parallelen zu geben, die man gar nicht erwartet. Der starb auch schnell - mit 72 älter als Ihr Vater - aber innerhalb von vier Wochen an einem Pankreaskarzinom. Das war wahrscheinlich das Todesereignis, das mich in meinem Leben am meisten erschüttert hat. Trotzdem gehört der Tod zum Leben und es ist eigentlich eine Banalität, das zu wissen. Und gleichzeitig ist es mit das Schwerste, das ein Mensch bewältigen muss. In einem Krankenhaus und in so einem großen wie das Uniklinikum Tübingen sterben täglich Menschen. Herr Maschmann, was ist Ihnen wichtig, wenn Sie mit einem Menschen zu tun haben, der im Sterben liegt, oder wenn Sie davon erfahren? Als ärztlicher Direktor ist man nicht ganz so nah dran an den unmittelbaren Situationen, aber trotzdem wissen Sie, was das bedeutet…
Maschmann: Ja, also für mich persönlich, aber auch für uns im Klinikum ist eigentlich immer maßgeblich, dass man eine Atmosphäre schafft, die ein Stück weit eben auch anders ist als das, was ansonsten den hektischen Klinikalltag kennzeichnet - nämlich: Ruhe. Im Sinne von auch Stille. Nicht mehr überall piepst irgendwas. Und Zeit. Das sind eigentlich die zwei Faktoren, die eigentlich klar angemessen sind oder angemessen wären. Aber manchmal ganz schön schwer herzustellen und zu vereinbaren sind, damit es einen würdigen Rahmen bekommt.
Steiger: Immer wenn es an die Grenzen des Lebens geht, berühren sich ja Medizin und Religion. Ich weiß, dass es in Tübingen eine Klinikseelsorge gibt und dass Sie mit denen natürlich auch zusammenarbeiten. Sehen Sie auch Möglichkeiten oder einen Bedarf, wo die Seelsorge und die Medizin enger zusammenarbeiten müssten?
Maschmann: Dass es das gibt, die Klinikseelsorge und dass sie auch, so wie ich finde, immer noch gut bestückt ist. Hier in Tübingen hat das eine große Bedeutung, auch für die Patientinnen und Patienten. Das kam immer wieder raus und auch fürs Personal, das in so Situationen jemand noch mit dazukommt, der dieses Spirituelle abdeckt. Was sonst zu kurz käme.
Steiger: Und auch einen Raum schafft, wo die Begrenztheit des menschlichen Lebens aufgefangen werden kann und wo man sagt: okay, das ist aber nun eben mal so! Ich habe noch eine abschließende Frage oder ein abschließendes Thema, das ich gerne ansprechen möchte, Herr Maschmann. Sie und ich, wir werden beide nicht heiliggesprochen. Aller Voraussicht nach. Und tauchen dann später auch mal nicht im Heiligenkalender auf, im strengen Sinn. Aber trotzdem, das ist meine Überzeugung, lebt in Ihnen und in mir auch etwas von Gott. So sehe ich das als Christ. Was ist denn Ihrer Meinung nach, wenn Sie mal auf die Weltlage, unsere gesellschaftliche Situation heute schauen, besonders wichtig, dass das, was wir jetzt so ein bisschen umkreist haben mit dem Thema heilig, nicht verloren geht.
Maschmann: Zuversicht ist da meine klare Antwort. Unser Trauspruch fällt mir da gerade ein. Ich hoffe, ich kriege den einigermaßen zusammen. „Und siehe, ich bin bei dir alle Tage. Sei getrost und unverzagt.“ Bei aller Schwierigkeit, die das einem abverlangt, macht es schon einen Unterschied, ob man jetzt selber immer mit Stirnrunzeln daherkommt und tiefe Sorgenfalten im Gesicht hat. Oder ob man zumindest noch ein bisschen Optimismus ausstrahlt, wissend, dass es nicht einfach ist. Aber das ist es so oder so nicht.
Steiger: Und es bleibt sicher nicht ohne Wirkung. Ich war heute im Gespräch mit Professor Dr. Jens Maschmann, dem leitenden ärztlichen Direktor des Universitätsklinikums Tübingen. Wir beide wünschen Ihnen einen schönen Feiertag heute!
Maschmann: Jawohl, wünsche ich allen Zuhörerinnen und Zuhörern. Vielen Dank.
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