SWR Kultur Lied zum Sonntag
„Singe, du Volk des Herrn, das er aus Not erlöste.
Im Leid blieb er nicht fern; er kam, dass er dich tröste.“
Diese Worte nach Psalm 107 sind aus einem alten Lied des reformierten Dichters Matthias Jorissen. Hören wir in eine neue Bearbeitung hinein:
Musik
Heute ist der Gedenktag an die Reichspogromnacht im Jahr 1938. Mit ihr hat die letzte Phase der Ausgrenzung und systematischen Vernichtung der Juden in Deutschland begonnen. Ich denke heute an die Kirchenmusikerin Lili Wieruszowski. Bis 1933 hatte sie in verschiedenen Kirchengemeinden in Köln die Orgel gespielt. Doch dann erhielt sie plötzlich Berufsverbot. Nach den Rassegesetzen der Nationalsozialisten galt die evangelische Christin nun als Jüdin. Sie konnte in die Schweiz flüchten.
In ihrem Exil hat sie die Strophen des Psalmliedes neu formuliert. Die Worte einer ihrer Strophen passen zu ihrem eigenen Schicksal:
„Die schmachtend irreliefen, trostlos im fremden Land,
und die zum Herren riefen, der ihnen Wege fand …“
Musik
Lili Wieruszowski hat für sich einen Weg aus der Verfolgung gefunden. Aber wirkliche Sicherheit fand sie erst nach dem Krieg. Sie konnte überleben, doch nur in ständiger Angst, wieder ausgewiesen zu werden.In ihrer nächsten Strophe beschwört sie die Menschen, „die da gefangen saßen in Kerker und in Zwang“ und die nach Gott „schrien bang“, der „sie mächtig riss aus aller Finsternis“:
Musik
Lili Wieruszowski wurde als Jüdin geboren und als Christin erzogen. Auch Jesus wurde als Jude geboren – und er blieb sein Leben lang Jude. Nicht erst im „Dritten Reich“ hat die Kirche das vergessen. Unzählige Menschen wurden verfolgt und vernichtet – und die Kirche hat geschwiegen. Daran denke ich heute voller Scham und Trauer.Aber der Psalm wäre kein Psalm Israels, wenn er nicht von einer unbeirrbaren Hoffnung erzählen würde:
„Denen in Wind und Wellen wollt aller Mut entfliehn,
ihr Schifflein gar zerschellen, und die zum Herren schrien,
und er gebot der Flut, gab ihnen heimzureisen
in seiner treuen Hut: sollen den Herren preisen.“
Musik
Diese Worte sind fast nicht auszusprechen angesichts der Millionen, die nicht mehr „heimreisen“ durften. Und doch gibt es Israel, eine Heimat für Juden. Heute, am 9. November, denke ich an die entführten Geiseln, die überleben und heimkommen konnten. Und ich denke an die Juden in Deutschland. Ich wünsche mir, dass sie hier eine sichere Heimat haben.
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Musikangaben:
Titel / Lied: „Dankt, dankt dem Herrn und ehret“ (EG RWL 627)
Komponist:
T: Matthias Jorissen 1798 / Lili Wieruszowski 1942/1946
M: Loys Bourgeois / Michiya Azumi
Musik: Kammerchor der Hochschule für Kirchenmusik Heidelberg / Michiya Azumi / Chorfest Baden / „Nacht der Chöre“ / 05.07.2025 / St. Bonifatius, Emmendingen
