SWR4 Sonntagsgedanken
Am Kragen meiner Jacken und Sakkos trage ich eine kleine gelbe Schleife aus Metall. Wenn ich was anderes anziehe, dann stecke ich auch die Schleife um. Seit ungefähr anderthalb Jahren trage ich sie. Die meisten Leute achten nicht darauf, sehen sie vielleicht nicht einmal. Nur wenige sprechen mich darauf an.
Aber neulich ist mir das innerhalb einer Woche gleich mehrmals passiert. Beim ersten Mal war es eine Touristin in Heidelberg auf der Straße, die an mir vorbeigegangen ist. Sie nickte zu meiner Schleife hin und sagte: „Beautiful!“ – „Schön!“
Ja, die sieht schon ganz nett aus. Aber die Frau hat offensichtlich mehr gemeint. Kurz darauf hatte ich eine Tagung mit Kolleginnen und Kollegen. Zwei davon haben mich auf meine Schleife angesprochen. Wie toll sie die fänden. Und in der Uni-Bibliothek hat sich ein Student nach mir umgedreht und gesagt: „Ich danke dir für deine Unterstützung!“ Als ich ihn fragend anschaute, hat er erklärt: „Ich bin aus Israel.“
Ja, Israel. Ich habe die Schleife all die Zeit getragen, um zu zeigen: Ich denke an die Familien, deren Angehörige im Gazastreifen als Geiseln gefangen gehalten wurden. Und auch an die, deren Angehörige umgebracht wurden. Und meine Schleife bringt mich darüber ins Gespräch. Zum Beispiel, als ich eine Frau getroffen habe, die auch eine trug. Sie erzählte: „Meine Tochter ist von der Hamas ermordet worden.“ Ihre Tochter war mit einem Freund zu Besuch in einem Kibbuz gewesen. Dort wurden sie beide erschossen. Eigentlich hatten sie an diesem Tag zurückreisen wollen. Ich habe mich lange mit der Mutter unterhalten. Als wir uns voneinander verabschiedet haben, habe ich gesagt: „Jetzt denke ich bei meiner Schleife immer an Sie und an Ihre Tochter.“
Ja, und deshalb trage ich die Schleife immer noch. Gott sei Dank sind die letzten Geiseln jetzt endlich frei! Ich habe mich wahnsinnig gefreut, mit all denen, die sie jubelnd und singend empfangen haben. Aber viele Familien haben ihre Lieben nicht zurückbekommen. Zum Beispiel die Frau, die ich kennengelernt habe. Ich sehe die Fotos all der Ermordeten. Ich denke auch an die Palästinenser in Gaza, die von der Hamas im Grunde auch als Geiseln gehalten werden. Sie können dort ja nicht weg. Von den Terroristen werden sie als menschliche Schutzschilde benutzt. Und ich denke an Juden in Deutschland und in anderen Ländern, die von ihrer Unsicherheit und Angst erzählen.
Für all diese Menschen ist es nicht vorbei. Das Leid bleibt – und es kommt immer noch neues Leid dazu.
Meine kleine gelbe Schleife ist da gar nichts. Aber wenn ich damit zeigen kann: Ich habe all diese Menschen nicht vergessen – dann ist sie zumindest etwas.
Nicht vergessen, gedenken – das ist in der Bibel ein ganz wichtiger Punkt. Immer wieder bitten Menschen Gott: Vergiss uns nicht! Gedenke an uns! Erinnere dich! Und Gott verspricht auch immer wieder: Ich vergesse euch nicht.
Da ist die kleine Schleife für mich so etwas wie ein Knoten im Taschentuch. Für die Menschen, die um ihre Angehörigen gezittert haben – oder die nie aufhören werden, um sie zu trauern. Für Israel – das Land, in dem alle Menschen Anteil genommen haben an ihrem Leid. Und für die Juden in Deutschland, die immer wieder die Erinnerung wachgehalten haben.
Ich will mich daran erinnern, mich zu erinnern. Jeden Tag. So ist die kleine gelbe Schleife für mich auch ein Gebet. Ich gucke auf meine Schleife und schicke mein Gebet in den Himmel. Zum Gott Israels, dem Gott Jesu, dem Gott, der nicht vergisst, der sich erinnert, Tag und Nacht. Zu Gott, der mein Gebet hört.
Ja, es ist auch ein Gebet für all die Opfer des fürchterlichen Krieges, der mit dem Terrorangriff anfing. Die Menschen, in deren Wohnvierteln, unter deren Schulen, Kindergärten und Krankenhäusern sich die Terroristen verschanzt haben.
Ich nenne den gelben Anstecker „meine Fürbittenschleife“. Eine kleine Schleife für ein riesiges Gebet gegen unermessliches Leid. Ich könnte nicht jeden Tag alle die vielen Gebete sprechen, die da nötig wären. Da hilft mir meine Fürbittenschleife. Wenn ich auf sie schaue, dann vergesse ich nicht. Nicht die Menschen in Israel, nicht die Juden in Deutschland, nicht die anderen Opfer des endlosen Schreckens.
Die Schleife wiegt kaum etwas. Aber das, was sie bedeutet, das wiegt eine ganze Welt. Die Welt, in der ich antworten will, wenn Gott fragt: „Mensch, wo bist du?“
Dann sage ich: Ewiger, ich bin hier. Und ich bete für deine Welt. An jedem Tag – und heute am Sonntag!
Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen Christian Hartung aus Kirchberg im Hunsrück von der evangelischen Kirche.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43179