SWR1 3vor8
Ich denke gern über Worte nach, die etwas angestaubt sind. Das Wort „Demut“ ist eines davon. Ein Wort, in dem ganz viel Lebensweisheit steckt, aber auch eines, auf das man gut aufpassen muss. Denn das Wort darf nicht in falsche Hände geraten und benutzt werden, um andere runterzumachen. Demut meint auch nicht, dass ich mich selbst klein mache oder gar für wertlos halte. Doch was heißt es dann?
Der Abschnitt aus dem Lukasevangelium, der heute in katholischen Gottesdiensten zu hören ist, hilft mir, etwas besser zu verstehen, was Demut meint. Jesus erzählt in einem Gleichnis von zwei Menschen. Der eine macht auf den ersten Blick alles richtig. Heute würde man sagen, er lebt einfach und nachhaltig, verzichtet auf übermäßigen Konsum und spendet für die, die weniger haben. Der andere ist das genaue Gegenteil. Er denkt nur an sich und den eigenen Vorteil.
Beide gehen in den Tempel, um zu beten. Schnell wird dem einen klar: so wie ich bislang gelebt habe, kann es nicht weitergehen. Er betet: „Gott, vergib mir. Ich weiß, dass ich ein Sünder bin.“ (Lk 18,13). Der andere aber fühlt sich moralisch überlegen, schließlich führt er ein vorbildliches Leben und hat sich nichts vorzuwerfen. Hochmütig betet er: „Gott, ich danke dir, dass ich nicht so bin wie die anderen Menschen“ (Lk 18,11).
Jesus macht damit denen, die ihm zuhören, deutlich: egal, wie gut du lebst, halte dich nicht für etwas Besseres. Dieses Urteil steht dir nicht zu.
Und da sind wir wieder bei der Demut. Denn wer demütig ist, braucht die anderen nicht, um groß zu sein. Sondern schaut ehrlich auf sich selbst. Und kann dabei erkennen: da gibt es einiges, was wertvoll und liebenswert an mir ist. Was mir gelingt und was ich einbringen kann, damit es anderen dient. Aber ich gestehe mir auch ein, dass ich an Grenzen komme. Dass ich nicht immer so bin, wie ich mich gern nach außen gebe. Das erfordert Mut. Denn ich muss mich mir selbst stellen.
Wie es im Alltag gehen kann, weder in die Falle zu tappen, überheblich zu werden noch sich klein und ohnmächtig zu fühlen, zeigt eine jüdische Erzählung. Darin empfiehlt ein Rabbi seinen Schülern: „Jeder von euch muss zwei Taschen in seiner Jacke haben, um nach Bedarf in die eine oder andere greifen zu können: In der einen Tasche liegt ein Zettel, auf dem steht: ‘Ich bin Erde und Asche’, und auf dem Zettel in der anderen Tasche steht: ‘Um meinetwillen ist die Welt erschaffen worden’“.
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