SWR3 Gedanken
„Hätte ich das mal früher gesehen, hätte ich anders reagiert.“ Das denke ich mir, als ich mich im Zug über einen älteren Mann ärgere. Er pöbelt rum, benimmt sich daneben. Andere setzen sich schon um. Ich wechsle genervte Blicke mit meiner Sitznachbarin und bin kurz davor, was zu sagen.
Dann sehe ich unter seinem Sitz eine Bierflasche. Er greift danach und nimmt einen kräftigen Schluck – morgens um halb elf. Dann lässt er die Flasche wieder unter seinem Sitz verschwinden. Jetzt verstehe ich mehr. Nicht er ist das Problem – sondern der Alkohol.
Klar, bin ich immer noch genervt von dem Mann. Er riecht unangenehm und seine Sprüche sind dumm. Aber ich verstehe, warum er sich so verhält. Er hat eine heftige Beeinträchtigung, die niemand von außen sehen kann.
. Menschen mit Autismus oder ADHS. Menschen, die mit Depressionen oder einer chronischen Krankheit zu kämpfen haben. Betroffene erleben leider viel zu oft Vorurteile und Unverständnis. Weil man’s eben nicht gleich erkennt.
Woher soll ich auch wissen, dass die Frau an der Backtheke so super lange braucht, weil sie chronische Schmerzen hat. Oder, dass eine meiner Schülerinnen schlechte Noten hat, weil es ihr schwer fällt sich zu konzentrieren.
Genau deshalb ist das hier mein Plädoyer, erst mal natürlich für mich selber: andere nicht vorschnell zu bewerten, nicht gleich urteilen, nicht gleich genervt reagieren. Denn auch wenn ich viele Einschränkungen nicht sehe – sind sie trotzdem da.
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