SWR4 Abendgedanken

21OKT2025
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Von Freiburg nach Italien in knapp fünf Minuten. Das schaffe ich jeden Mittag, wenn ich mir nach dem Essen eine Tasse Espresso koche. Ich zelebriere das richtig: Wärme meine Tasse vor, lege mir ein Stück Schokolade bereit, freue mich am Duft, wenn der heiße Kaffee aus der Maschine kommt. Und wenn ich das herbe Aroma genieße, fühle ich mich sofort nach Italien versetzt. Mit diesem kleinen Ritual fliehe ich vor dem nass-kalten Herbstgrau und katapultiere mich in Windeseile mitten rein in Sonne und Dolce Vita.

Meine Tochter hat mittags auch so ein Ritual. Sie kommt aus der Schule, pfeffert den Ranzen in die Ecke und verkrümelt sich mit Kopfhörern und Tablet erstmal aufs Sofa. Dort macht sie es sich gemütlich und verbringt ihre täglichen 20 Minuten Medienzeit mit ihrer Lieblingsserie. Vorher brauchen wir Eltern gar nicht fragen, wie es in der Schule war oder welche Hausaufgaben anstehen. Wir würden keine Antwort bekommen.

Ich mag solche Rituale und im Laufe des Tages gibt es viele davon. Manche haben mit Genießen zu tun, andere sind ganz praktisch. Zum Beispiel wenn ich morgens als erstes die Spülmaschine ausräume und alle anderen noch schlafen. Diese zehn Minuten Ruhe sind mir heilig, weil sie mir helfen wach zu werden und im Tag anzukommen. Und ich kenne auch liebe Gewohnheiten, die mit Gott zu tun haben: Wenn ich ein Kreuzzeichen mache, immer wenn ich in eine Kirche reinkomme. Oder wenn ich vor einem schwierigen Gespräch ein Stoßgebet spreche.

Das sind alles keine großen Sachen. Aber diese kleinen Unterbrechungen sind wie Inseln im Alltag. Sie setzen ein Stopp-Schild bei den vielen To-Dos, an die man denken muss. Und so strukturieren sie den Tag und geben mir Sicherheit und die Gelegenheit, mal durch zu schnaufen. Sei es der gedankliche Mini-Urlaub mit der Tasse Kaffee oder die Pause nach der Schule mit der Lieblingsserie. Oder dass ich mir ein bisschen Zeit für Gott nehme. Dass ich mir bei Gott bewusst werde, was mir gerade schwerfällt und wofür ich dankbar bin. Dass ich innerlich an das rankomme, was mir auf dem Herzen liegt, und ich damit auch zu Gott kann.

Gott ist in meinem Alltag da. In allem Trubel und bei allem, das auch mal schiefgeht oder Schmerzen bereitet. Ich bin behütet und darf einfach sein.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43157
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