SWR4 Sonntagsgedanken

19OKT2025
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Was passiert eigentlich, wenn ich bete?

Wer heute in einen katholischen Gottesdienst geht, hört dazu eine Geschichte, die uralte Bilder verwendet, die in heutiger Zeit zugleich fremd und sehr aktuell wirken. Israel wird von einem anderen Volk angegriffen. Mose sagt zu Josua, er solle mit dem Heer der Israeliten in den Kampf ziehen. Er selbst will sich derweil auf den Gipfel eines Hügels stellen. Er hat einen Stab dabei, den er von Gott bekommen hat. Solange Mose den Stab hochhält, ist das Heer der Israeliten stärker, sobald er ihn sinken lässt, haben die Feinde die Oberhand. Irgendwann wird Mose müde und kann nicht mehr. Aber zwei andere Männer sind mit ihm auf dem Berg, lassen ihn sich hinsetzen und stützen seine Arme. So kann er sie weiter hochhalten. Und Israel gewinnt.

 

So einseitig geschilderte Kampf- und Siegesgeschichten im Namen des Glaubens fallen mir schwer zu lesen. Mit Blick auf den aktuellen Konflikt zwischen Israel und Palästina noch einmal mehr.

Dennoch glaube ich, dass ich in den biblischen Geschichten auch heute noch wertvolle Botschaften für mich finden kann. Auf einer anderen Ebene.

 

Ich kann versuchen, biblische Texte tiefer zu verstehen, indem ich sie mir innerlich wie auf einer Theaterbühne vorstelle. Dabei versetze ich mich in die unterschiedlichen Personen hinein.

 

Ich schlüpfe in die Rolle des Josua. Der kämpft gegen ein Heer, tut alles, was er kann, um wieder Frieden zu finden. Dabei fallen mir eigene ungelöste Situationen ein. Konflikte, in denen ich stehe, wo ich weiß, dass ich nicht einfach die Hände in den Schoß legen und denken darf: „Der liebe Gott wird’s schon richten.“ Nein, oft muss ich hart an mir und den Situationen arbeiten, damit sich wirklich etwas ändert.

 

Als nächstes versetze ich mich in die zwei Helfer hinein, die neben Mose stehen und seine Arme halten. Vielleicht sind sie fasziniert von ihm, von seiner Ausstrahlung, von seiner inneren Kraft. Sie spüren: Da ist jemand, der einen direkten Draht zum Himmel hat. Mir fallen auch solche Menschen ein. Sie ziehen mich an. Vielleicht weil ich mir selber wünschen würde, so vertrauensvoll beten zu können.

 

Und dann gehe ich innerlich weiter zu Mose. Er sieht Josua kämpfen. Einen Menschen, der ihm am Herzen liegt. Mose spürt innerlich, wie der Freund kämpfen und dabei leiden muss. Und er fängt an zu beten für ihn und für alle, die mit ihm kämpfen. Und er wird dabei müde. Vielleicht fragt er sich: „Was nützt mein Gebet, hört Gott mich eigentlich? Der Kampf geht ja doch weiter.“ Aber Mose spürt auch, dass er zwei Menschen an seiner Seite hat, die an ihn glauben. Und das ermutigt ihn, nicht aufzugeben.

Mein Gebet wird auch manchmal müde. Ich frage mich oft: „Bringt das überhaupt etwas? Kann ich es nicht genau so gut seinlassen?“ Aber vielleicht ist es gerade in solchen Momenten gut, dranzubleiben.

 

In Momenten, wo ich das Gefühl habe, mein Gebet bringt überhaupt nichts, fällt mir immer wieder ein besonderes Erlebnis ein. Es war zu der Zeit, als Papst Johannes Paul II. sehr krank war. Eine Menschenmenge hat sich damals auf dem Petersplatz versammelt, um für ihn den Rosenkranz zu beten. Als ich an einem Abend in Frankfurt am Main nach Hause kam, fiel mir ein: Gerade jetzt versammeln sich Menschen in Rom zum Gebet. Also habe ich spontan meinen Rosenkranz in die Hand genommen und von ferne mitgebetet.

 

Ich erinnere mich: Wie Mose in unserer Geschichte war auch ich müde und eher gelangweilt, während ich die Worte des Rosenkranzes ständig wiederholte. Ich habe mich gefragt: „Macht das hier überhaupt Sinn?“ Und während ich da so saß und trotzdem drangeblieben bin, habe ich in einem Moment plötzlich, nur ganz fein wahrnehmbar, so etwas wie Erleichterung gespürt.

Ich hab mir erst nichts weiter dabei gedacht.

 

Am späteren Abend begann die tiefste Glocke des Frankfurter Doms zu läuten. Ich habe mich gewundert und im Internet nachgeschaut, was denn da los war. Es war die Sterbeglocke: Papst Johannes Paul II. war verstorben an diesem Abend. Und ich war verblüfft, als ich herausfand: Der Moment, in dem ich im Gebet dieses Gefühl von Erleichterung gespürt habe – das war genau der Zeitpunkt, als die betende Menge erfahren hat: Der Papst ist verstorben. Die Menschen dort waren erleichtert, dass er nicht mehr leiden musste. – Auch wenn mir mein Gebet vergeblich erschienen war: Ich war darin so sehr in eine Verbindung mit den anderen Betenden in Rom gekommen, dass ich in mir spüren konnte, was sie gerade fühlten!

 

Diese Erfahrung hat mich seither nicht mehr losgelassen und mir eine tiefe innere Überzeugung geschenkt: Beten kann viel mehr als nur ein gutes Gefühl erzeugen. Es kann tatsächlich etwas bewirken.

 

Und wenn ich selbst in inneren oder äußeren Konflikten stehe, weiß ich, es braucht beides: Ich brauche den Kämpfer Josua in mir, der alles tut, was er kann, um nicht unterzugehen. Es braucht aber auch den Mose in mir, der weiß: Ich allein kann aus meiner eigenen Kraft nicht alles lösen. Ich brauche Hilfe und darf auf Gott vertrauen.

Und darum bete ich.

Und schließlich erzähle ich anderen davon, wenn ich in schwierigen Situationen bin. Und es tut mir soso gut, wenn dann jemand sagt: „Du, ich bete für Dich!“ Weil ich weiß:  Beten verbindet mit anderen Menschen und mit Gott.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43148
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